And nothing has changed/Everything has changed

Eigentlich wollte der kunstfeler ein bisschen Winterschlaf machen, aber dann kam etwas, womit ich nicht gerechnet habe und was eine Pause von der Pause rechtfertigt: David Bowie starb. Vielleicht ist das YABP (Yet Another Bowie-Post), aber das ist mir egal: Es ist mein Bowie-Post.

Ich war ein musikalisch eigenartig sozialisiertes Kind. Mal abgesehen von den ganzen klassischen Sachen, die ich schon früh hörte, war ich dem Radio nicht sonderlich zugeneigt, und wenn doch, dann nicht gerade den Mainstream-Sendern, die einen mit der immergleichen durchchoreographierten Endlosschleife von zehn Liedern, gepaart mit viel zu schnell gesprochenem Unsinn, um die Besinnung bringen wollten. Stattdessen hörte ich lieber die alten Platten meines Vaters oder, wenn Radio, dann einen damals existenten Oldie-Sender. Da lief, natürlich, auch immer mal Bowie. Mir war das damals völlig egal: Die Künstler waren für mich gänzlich nachrangig. Hauptsache, die Musik gefiel mir.

Das hatte (aus heutiger Sicht) unterhaltsame Auswüchse: Zur Mini-Playback-Show beim Kindergeburtstag einer Grundschulfreundin war ich mit großem Abstand die Letzte, weil ich, bis auf Fools Gardens „Lemon Tree“ (und das auch nur mit „blue blue Sky“ und „yellow Lemontree“), keines der zur Auswahl stehenden Lieder kannte. Hätte man mir was von den Doors, den Beatles, City, Karat, Bon Jovi oder den Stones vorgelegt, ich hätte glänzen können. Und ich sah wenig Gründe, davon abzuweichen und legte einen gewissen Elan an den Tag, wenn es darum ging, die Andersartigkeit meines Musikgeschmacks zu konservieren. Das korrelierte natürlich mit meiner Lebensweise: Ich hasste Röckchen und Kleidchen, kam in der Fünften schon lieber in Schlaghosen mit Schlitzen. Und als ich in Klasse 7 mit knallkurzen Haaren, einer viereckigen Nerd-Brille, Männercordhosen, Karohemd und Chucks rumlief, wurde ich dafür nicht nur belächelt und schon mal von dem einen oder anderen Lehrer zur Seite genommen: Ist alles OK bei dir? Dass das später Mainstream wurde, war da noch nicht abzusehen (und heimlich fragten mich Mitschüler, wo ich die sauteuren Schuhe herhabe). Während die anderen also Bravo-Schminkanleitungen lasen und GZSZ schauten, trabte ich lieber zu meinen zahlreichen Musikunterrichten und entdeckte ein brennendes Interesse für gesellschaftliche Verhältnisse ab 1980.

Cut.

2003 besuchte ich, im Rahmen eines Schulausfluges, St. Petersburg. Eine Abenteuerreise sondersgleichen mit vierzigstündiger Zugfahrt und vielen unvorhergesehenen Ereignissen, bei denen Helikoptereltern heute vermutlich an Schnappatmung ersticken würden. Aber hey, wir waren 16 (zumindest ich, andere waren 17 oder 18) und fühlten uns ziemlich unbesiegbar, auch wenn wir das erste Mal die Präsenz von Militär (das wohl nur zu Paradezwecken durch die Stadt spazierte, aber wer weiß das schon) und Marine erlebten. In einem unserer Ausflüge (die wir auch allein durch die Stadt machen durften) kamen wir an CD-Läden vorbei, bei denen die meiste Ware so günstig war, dass sie wohl… nunja… irgendwo vom Laster gefallen sein musste. Eindringlich glotze mich ein CD-Cover aus blinden Augen an, heathen stand darauf, verkehrtherum und von rechts nach links. Nehm ich, dachte ich, und die anderen auch gleich, Depeche Mode, Muse, Morissey, wasweißichnochalles. Gehört habe ich vor allem die CD mit den blinden Augen.

Heathen war mein Bowie-Schlüssel. In dieser Zeit passierte viel – mit mir, um mich herum, generell, und heathen war oft eines der ersten Mittel, was mir einfiel, um den Boden wieder annähernd in Fußnähe zu bekommen. Immer, wenn sich mal wieder die Ereignisse überschlugen, ohne dass davon nach außen wirklich viel sichtbar war, sang David Bowie in meinem Kopf: „For in truth, it’s the beginning of an end/And nothing has changed/Everything has changed.“ Allen Schrott, der stattfand, konnte ich irgendwo unterbringen, wenn ich nur Musik dazu hören konnte. Und klar, 16 ist das Alter fataler Selbstzweifel, zeigt mir eine Sechzehnjährige, die völlig ohne Zweifel durchs Leben spaziert! Ich began, mich weiter nach Bowie umzuschauen. Meine Güte, was hatte der schon gemacht. Jedes Mal, wenn ich eine neue Bowie-Episode erfuhr, war ich begeistert. Und irgendwie auch beruhigt: Abseits des so geordneten Umfelds, in dem die größtmögliche Rebellion war, Tote Hosen UND Die Ärzte gutzufinden, gab es Menschen, die einfach radikal künstlerisch nicht auf Konstanz, sondern auf steter Neuerfindung beharrten. Wie sehr mir das entsprach, mir, die ich am liebsten schon Mittwoch eine andere sein wollte als ich Montags noch war, vom Wochenende ganz zu schweigen. Wenig hingegen entsprach mir die Abneigung von Mitschülern und Freunden, die mit Blick auf das Aladdin Sane-Cover fragten, warum der Mann mit der Achtzigerjahre-Frauen-Frisur Lippenstift im Gesicht habe. Das waren dann aber auch die, die Kostüme auf der Bühne „lächerlich“ fanden und für die es ein Maximum an Inszenierung war, wenn Madonna mit zwölf Tänzern über eine überdimensionierte, „futuristisch gestaltete“ Bühne sprang. Da war auch nicht allzu viel Verständnis für die Episode in Berlin, aber einige hielten Christiane F. auch für die kleine Schwester von Axel F. Und da rede ich noch nicht mal von Geschlechteridentitäten oder so, das wäre vermutlich der absolute Killer gewesen. Natürlich waren nicht alle meine Freunde Bowie gegenüber abgeneigt, beileibe nicht, aber sein Bekanntheitsgrad war doch… sagen wir: überschaubar. Ich hingegen schwärmte still vor mich hin (auf rein künstlerischer Ebene – auch wenn ich sagen muss, dass er damals noch ausnehmend gut ausgesehen hat für sein Alter).

Rückblickend ärgerte ich mich, die Chance auf ein früheres musikalisches Kennenlernen nicht schon eher wahrgenommen zu haben. Denn natürlich kannte ich einige seiner Lieder, aber woher sollte ich bei der Wandelbarkeit davon ausgehen, dass sie von ein und demselben Menschen stammen? Außerdem war der Konzert-Zug offensichtlich schon abgefahren. Noch ein Ärgernisgrund.

Die Jahre vergingen, die Haare wurden länger (und dann wieder kürzer und dann ganz kurz und dann wieder länger und dann ganz ganz lang) und änderten ihre Farbe, Kleidungsstile kamen und gingen, Bowie blieb da. Fürs Feiern, fürs Nachdenken, fürs Zugfahren, fürs Traurigsein, für Energie, für alle möglichen Lebenslagen; ein Universalmittel musikalischer Selbstunterstützung. „Where are we now“ ist eines der Lieder, die ich vermutlich am häufigsten gehört habe, passte es doch wie die Faust auf’s sprichwörtliche Auge. Und allen, denen man so verbunden ist und die einen so lange begleiten, räumt man irgendwo einen Stellenwert ein. Als er letzte Woche seinen 69. Geburtstag hatte, war bei mir Bowie-Tag: Den ganzen Tag liefen irgendwelche Bowie-Sachen bei mir und bouncten mich durch diverse Lebensetappen. Ich freute mich auf und über Blackstar, das neue Album.

Als ich gestern die Nachricht seines Todes hörte, dachte ich nur eins: Nein. Was heißt ich dachte – ich sagte es, ganz impulsiv, es ging gar nicht anders. Nein, ich will das nicht, dass jemand weg ist, der immer da war. Und dann war ich sehr traurig.

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9 Gedanken zu “And nothing has changed/Everything has changed

  1. yabp – aber was für einer. erst dachte ich – das junge küken, was will es wissen? aber beim lesen (mit immer intensiverem lächeln {vielleicht solltest du zur schreibenden zunft wechseln und ein richtig gutes feuilleton machen}) wurde mir klar – sie weiss wovon sie schreibt. danke für deine worte.
    und schön das die haare so lang sind 😉

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    1. Ich danke dir sehr, wirklich! Ich musste jetzt auch sehr lächeln bei deinem Kommentar 🙂 Ich bin mir nicht sicher, ob ich mehr wöllte als den kunstfeler… auf meiner Spielwiese ist es ja sehr angenehm, aber „da draußen“ gehts wesentlich härter zu. Vorerst langt es mir, diejenigen, die sich hierher verirren, zum Lächeln zu bringen! 😉

      PS: Haare bleiben erst mal lang. Bis zur nächsten Transformation. Wer weiß, was danach kommt… 😉

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      1. ist vllt. auch gut so! unter druck machts keinen spass und wird zur last – nicht gut für den esprit!

        uuund – lächeln ist wichtig!

        und lange haare (lass die kurzen denen die eh fast keine mehr haben! )

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  2. Liebe Theres,

    looong time no see!
    Eine Zeit lang habe ich hier gerne und öfter mitgelesen, fand vieles interessant und wirklich gut (nur die Klassik ist gar nicht mein Thema und wird es wohl in absehbarer Zeit auch nicht). Inzwischen muss ich gestehen, war ich lange nicht mehr da – but: Mr. Bowie brought me back.

    Tja … ich hatte ja KEINE Ahnung.
    Von dir und David.

    Hättest du mich mal damals schon infiziert! In unserer gemeinsamen Theaterzeit.
    Natürlich wusste ich, dass es ihn gibt, aber ich kannte nicht ein einziges komplettes Album, nur ein oder zwei Hand voll Lieder (die ich durchaus mochte) und wußte irgendwie, dass er einer der Großen ist, der schon ne Menge gemacht hat, fand ihn immer etwas strange. Wahrscheinlich war ich einfach noch nicht bereit für ihn, auch für sein Styling/Auftreten. Andererseits war er auch lange Zeit wenig präsent.

    Als ich Montag-Abend online irgendwo las „Zum Tod von David Bowie“, war ich zunächst irritiert. Ich dachte, das müsse ein Irrtum sein, er hatte doch Freitag erst Geburtstag gehabt und ein neues Album herausgebracht. An jenem Tag hatte ich nämlich im Societaetstheater ein Stück mit Bowie-Songs gesehen, was musikalisch sehr eindrücklich war (der Rest etwas weniger). Ich war nun also im Begriff mich mehr für Bowie zu interessieren und mich mit ihm zu beschäftigen.
    Durch den Schock der Todesnachricht geschieht dies nun aber unheimlich intensiv, was in Zeiten des Internets ein Leichtes ist und vorher so wohl nicht möglich gewesen wäre. Seitdem schaue, höre und lese ich quasi Tag und Nacht alles über ihn und sauge es förmlich auf.

    Ich hatte ja KEINE Ahnung!

    Und jetzt bin ich – man könnte sagen – „schockverliebt“.
    Traurig, weil er so früh und durch lange Krankheit gestorben ist und ich ihn erst posthum entdecke. Und gleichzeitig freue ich mich, dass ich dies gerade tue und auf bzw. über alles, was noch zu entdecken ist über und von diesem SO FASZINIERENDEN UND VIELFÄLTIGEN, GROSSARTIGEN KÜNSTLER UND MENSCHEN. Ich könnte ihn gar nicht nicht mögen. Ich mag all die unterschiedlichen Richtungen, in denen er sich ausprobiert hat, gestehe ihm jedes noch so schräge oder gruselige Styling zu (er KANN einfach ALLES tragen) und finde ihn schlichtweg immer entzückend oder betörend. Und erst dieser hypnotisierende Blick … So viel Aura und Persönlichkeit haben nicht viele Menschen finde ich.
    Jetzt wo er sozusagen in mein Leben geplatzt ist, kann ich mir nicht vorstellen, dass er da so schnell wieder verschwindet. Ich glaube ich hatte nie einen Lieblingssänger/-künstler, aber ich habe das Gefühl David Bowie könnte das sein/werden.

    Bitte entschuldige, dass ich dir hier so die Kommentarspalte „zudonner“, aber ich bin innerlich wohl grad bißchen am Ausflippen und dein Beitrag hat mir den Anstoss gegeben, das an dieser Stelle einfach rauszulassen.

    So und jetzt hab ich das Bedürfnis mir zum Gedenken irgendwo nen schwarzen Stern dranzupinnen.

    gegen die Traurigkeit hilft:

    und da wirds dann doch wieder traurig:

    Hat Bowie dich eigentlich zum Saxofonspielen inspiriert? Damit hat er ja auch angefangen. Oder kam das schon bevor du ihn entdeckt hast?

    Allerherzlichste Grüße aus Dresden
    von Romy

    (Und bitte immer schön weiterschreiben – machste gut!)

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    1. Mensch Romy, danke für deinen Kommentar, ich freu mich riesig! Und ich hab die Videos alle angeschaut (bis auf das Traurige, das geht grad irgendwie nicht) und schallend gelacht! 😀

      Ja, hätten wir das mal eher gewusst. Ich hatte ja keine Ahnung! Das ist immer so komisch – man geht oft davon aus, dass ein Künstler wie er doch weit bekannt ist und man ihn nicht erst vorstellen muss. Hätte ich’s mal trotzdem gemacht. Oder auf der Weihnachtsfeier was von ihm gespielt und dann leicht alkoholisiert rumgeschwärmt. Schade.

      Das „schockverliebt“ kann ich übrigens richtig gut nachvollziehen – ging mir damals auch so. Ich dachte wirklich so „Zack, guck hier, das isses.“

      Dass Bowie Saxophon spielt habe ich erst viel später entdeckt. Ich hab schon deutlich vorher angefangen damit, mehr als 5 Jahre eher. Und ich hab da ja auch ganz andere Sachen gemacht als er, Pop-Sax liegt mir einfach auch nicht so 😉

      Ich glaub übrigens, dass du den Punkt selber angesprochen hast, der Bowie so faszinierend und gleichzeitig sympathisch macht: Er war ein toller Künstler und Mensch, nicht nur eines davon.

      Liebe Grüße zurück in die Heimat – und gute Unterhaltung beim weiteren Entdecken des Bowie-Universums!

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  3. Ich hab mich erinnert, es gab doch einen Künstler, den ich viele Jahre sehr mochte: BECK

    Mit „Loser“ bekannt geworden, hab ich dann die Alben „Odelay“ (1996), „Mutations“ (1998), „Midnite Vultures“ (1999) und „Sea Change“ (2002) sehr gern und oft gehört (zur Erinnerung: ich bin 81er Jahrgang). Auch an ihm hab ich die Vielseitigkeit sehr geschätzt. Seit er bei Scientology ist, hab ich mich allerdings nicht mehr wirklich mit ihm beschätigt. Jetzt hab ich die alten Alben aber gleich nochmal rausgeholt und hör bißchen rein – immer noch gut!
    http://www.laut.de/Beck

    Den (manchmal so titulierten) „britischen Beck“ BADLY DRAWN BOY und seine Alben „The Hour of Bewilderbeast“ (2000), „About a Boy“ (2002, Soundtrack zum gleichnamigen Film) und „Have You Fed The Fish“(2002) mochte ich auch sehr gern.

    Ich hab beide vor vielen Jahren auch jeweils einmal live gesehen in Berlin.

    Sweet Sixteen – Bowie in sehr jungen Jahren:
    http://www.sothebys.com/en/auctions/ecatalogue/2015/rock-pop-l15414/lot.65.html

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    1. Die beiden kann ich auch gut leiden! Dabei wusste ich gar nicht, dass Beck mittlerweile bei Scientology ist… Naja, man merkt, so irrsinnig hab ich mich für die Geschichten hinter den Liedern nie interessiert, bei allen 😉 Aber ich nehme an, GET WELL SOON sind auch ganz nach deinem Geschmack!

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