Kulturkiller Thüringen

[Edit: Ich habe mal die Statistik gewälzt und diesen Blogpost um eine Mini-Übersicht erweitert: Oper Weimar vs. Oper Erfurt.]

Eine Schulfreundin von mir, D., hat in Jena studiert. Ich erinnere mich, auf ihrer StudiVZ-Seite (ja, ich bin so alt, dass ich noch zu denen gehörte, die StudiVZ gehypt haben!) eine Gruppe gesehen habe, deren Titel in etwa „Wenn ich mal Geld habe, kaufe ich Thüringen. Kann so teuer nicht sein.“ lautete. Mal abgesehen von den ganzen Schulden, die man in diesem Zuge mit kaufen würde: Ich fand‘ das immer ein wenig überheblich und habe sie mal gefragt, warum sie dieser Gruppe beigetreten ist. Klar, weil’s lustig klingt, meinte sie. Und weil sie das Gefühl hatte, in Thüringen kümmert sich nicht wirklich jemand darum, dass die Thüringer und die, die es eventuell werden wollen, Thüringen mögen.

Damit einher ging in etwa dieses Lied, das aus einem ähnlichen Zeitraum stammt und das einen ähnlichen Eindruck vermittelt.

Langsam aber sicher gelange ich zur Einsicht, dass D. damals doch Recht hatte. Thüringen tut eine Menge dafür, als nicht sonerlich sympathisch wahrgenommen zu werden. Neuster Geniestreich: Kulturkürzungen. Alter Hut, denkt ihr? Tja, getreu dem Motto „steter Tropfen höhlt den Stein“ startet die Thüringer Landesregierung einen neuen Vorstoß zum Stellenabbau und zur Fusionierung. Ausgerechnet im Kernland der Dichter und Denker hat man sich mal mit dem Rotstift hingesetzt und folgendes überlegt:

1. Oper ist OK. Verschiedene Inszenierungen braucht allerdings kein Mensch, die meisten schauen sich ohnehin nur eine an. Reicht also, wenn man in einem bestimmten Umkreis Reisebühnen hat, die mit ihren Inszenierungen und dem Orchester ein ganzes Gebiet abdecken.

2. Apropos Orchester: Bei der Gelegenheit kann man doch gleich bisschen was zusammenlegen; wird ja dann ohnehin nicht mehr so viel gespielt. Montags hier, Dienstag da, Mittwoch dort und dann retour.

3. Theater ist cooler als Oper! Lasst uns doch Schwerpunkte bilden: Eisenach killt sein Orchester und bekommt dafür einen Schwerpunkt für Kinder- und Jugendtheater. Gehen die Kinder halt in’s Theater, für Musik interessieren die sich eh nicht.

4. Okay, die Orchester in Weimar und Erfurt zusammenlegen… das können wir so eigentlich nicht machen, da steigen uns die Leute auf’s Dach. Aber Gotha und Erfurt, das können wir doch mal ausprobieren!

5. Dafür könnten wir in Weimar eigentlich die Opernsparte schließen. Braucht kein Mensch. Kann doch vom Theater in Erfurt aus bespielt werden.

Stümperhaft eben mit Paint (!) erstellt: Kürzungen und Kooperationen.
Stümperhaft eben mit Paint (!) erstellt: Kürzungen und Kooperationen.

Was herauskommt ist ein Bundesland voller fusionierter Orchester, die sich gern mal auf der Reise befinden und neben dem ganzen organisatorischen Mehraufwand, der dadurch entsteht, aber bitte noch kreativ und innovativ und auf jeden Fall wettbewerbsfähig sein sollen! Denn das wären nicht die einzigen fusionierten Orchester Thüringens: Saalfeld-Rudolstadt, Nordhausen-Sondershausen, Gera-Altenburg und (als bundeslandübergreifendes Orchester) Greiz-Reichenbach sind auch schon in diesen (zweifelhaften) Genuss gekommen.

Was erwarten sich die Schmiede dieses Plans nun? Laut MDR info-Bericht, der sich wiederum auf die Berichterstattung der Thüringischen Landeszeitung stützt, sind es keine Kostenersparnisse, die damit erzielt werden sollen. Was soll es dann? Mal abgesehen davon, dass auch Kosteneinsparungen keine Legitimierung für derartig drastische Schritte sprechen würde, hier mal ein paar Nebenwirkungen dieses Plans (die gern in den Kommentaren ergänzt werden können):

  • Das Erste, was immer zu kurz kommt, ist die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, so auch in musikalischer Arbeit.
  • damit einhergehend kann man verallgemeinern: jegliche sozialen Projekte fallen in solchen Fällen am ehesten dem Rotstift zum Opfer – sie bringen nämlich kein Geld.
  • Ein Mehraufwand an organisatorischer Arbeit fällt an – und der kostet Geld.
  • Entlassene Musiker und andere Beschäftigte des direkten Kulturbereiches… jeder weiß selbst, was mit denen ist.
  • Es entsteht der Eindruck, dass man’s ja mit denen machen kann… wenn diese Kürzungen möglich sind, warum da nicht noch mehr? Man gewöhnt die Leute eben langsam daran, dass die Kultur bald weg ist.
  • Inszenierungshoheiten kontra künstlerische Freiheit und Abwechslung… sehr sozialistischer Gedanke.
  • Thüringen wird immer uninteressanter. Wer will eine internationale Firma dort etablieren, wo es keine Anreize für die Beschäftigten gibt? Scheiß‘ doch auf die Infrastruktur. Und englischsprachrige Mitarbeiter in ein deutsches Theaterstück schicken ist vielleicht nicht immer Mittel der Wahl.

Mit Sicherheit gibt es da, mal ganz abgesehen vom peinlichen Zeugnis, das man damit über ein kulturell so traditionsreiches Land wie Deutschland (und Thüringen!) abgibt, noch viele Punkte mehr. Wenn ich aber noch länger darüber nachdenke, werde ich nur wieder zum Hulk.

Vielleicht sollten wir zusammenlegen und Thüringen kaufen.

Edit: Nachdem die Frage aufkam, wie denn die Auslastung der Opern in Thüringen wäre, habe ich mal die Theaterstatistik 13/14 bemüht und folgendes zusammengesucht:

Thüringen
Vergleich der Opernsparten Erfurt und Weimar (Ja, sorry, ist bisschen kleinteilig geraten, aber ein Klick auf’s Bild schafft Abhilfe!)

Folgendes möchte ich dazu noch ergänzen: In Erfurt gibt’s auch noch Musical- und Operettenaufführungen. Die große Zahl der Sitzplätze für die Opernsparte kommt maßgeblich durch die Domstufenfestspiele (siehe entsprechender Kasten), die nicht nur von Erfurtern besucht werden. Vielleicht sollte man sich eher fragen, wie man die Auslastung in Weimar erhöhen könnte, statt die Opernsparte dort zu schließen? Was sind die Gründe für 16% weniger Auslastung im großen Haus im Vergleich zu Erfurt?

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3 Gedanken zu “Kulturkiller Thüringen

    1. Sehr nice, danke für den Hinweis! Das interessiert mich tatsächlich enorm, ich beschäftige mich ja auch auf anderem Gebiet immer mehr mit dem Thema beschäftige. Ich bin für Anregungen also immer offen! Und ich frage mich auch immer wieder, wie man dem Thema, gerade auch den Ausführungen des Autors, mehr Öffentlichkeit zukommen lassen kann…

      PS: Sternchentool! Paint kann das! (Gesendet, während heiße Tränen ob de Abstinenz eines echten Grafikprogrammes auf diesem Rechner über meine Wangen laufen.)

      Gefällt 1 Person

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