Mit Sinn und Verstand

Männer zwischen zwanzig und vierzig sind sprunghaft und unzuverlässig, unausgeglichen und neigen zu irrationalen Handlungen. Ja, das ist ein Vorurteil und ja, es stützt sich auf eigene Erfahrungen. Wie wenig das doch auf den Sonntagabend zutraf! Ich freute mich ja bereits auf den Konzertabend mit jungen Herren, meine Erwartungen wurden jedoch noch übertroffen. Anlass war das Konzert des Philadelphia Orchestra unter Yannick Nézet-Séguin im Rahmen der Dresdner Musikfestspiele. Ich erlebte einen Dirigenten, der alles andere als sprunghaft und unausgeglichen agierte: klug und gewissenhaft modellierte er nicht nur in Tschaikowskys fünfter Sinfonie Lautstärken, Tempi und Klangfarben. Das Ergebnis war ein ausgewogenes, farbenfrohes und reichhaltiges Bild eines Orchesters, das, wie schon in der Ankündigung versprochen, vor allem mit seinen Streichern glänzen konnte: kräftig und glanzvoll, aber auch zart und zurückhaltend fielen sie vor allem in den Alt-lastigen Passagen besonders auf.

Nachhaltigen Eindruck hat aber vor allem Jan Lisiecki hinterlassen. Wie man mit nur 20 (ZWANZIG!) Jahren eine derartig durchdachte und ausgeglichene Interpretation eines Klavierkonzertes, das sich für knallig-laute Misinterpretationen anbietet, abliefern kann, ist mir ein Rätsel – im positiven Sinne! Lisiecki, der auf den ersten Blick auch Physik-Doktorand sein könnte, spielt, als würde ihm der Flügel ganz selbstverständlich mitteilen, was sich Grieg bei seinem Konzert für Klavier und Orchester a-Moll op. 16 gedacht hat. Da ist nicht eine Note ohne Sinn, nicht ein Anschlag, der nicht durchdacht ist. Und Nézet-Séguin weiß, was sein junger Landsmann kann. Es wirkte, als wäre Lisiecki ganz selbstverständlich ein Teil des Orchesters. Lisieckis Chopin-Zugabe war dann nur noch der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte – in diesem Falle wohl eher einige Augen der Zuschauer. Stehende Ovationen und laute Bravo-Rufe für den sympathischen jungen Mann waren da nur konsequent.

Nico Muhlys Stück „Mixed Messages“, welches ganz zu Beginn erklang, könnte eigentlich auch „mixed feelings“ heißen, es hinterließ mich etwas ratlos. Philip Glass winkt an wirklich jeder Ecke ins Publikum und auch die Beschäftigung mit allerlei Filmmusikkomponisten wird Muhly kaum verleugnen können. Ich bin mir sicher, es tat niemandem im Publikum weh, dass dieses Stück erklang, es tat aber auch nichts für den Abend.

Semperoper
Der Ort des Geschehens (zu einem früheren Zeitpunkt): Die Semperoper.

Zum Schluss noch etwas ganz anderes: Ich bin nicht allzu häufig Gast bei amerikanischen Spitzenorchestern, daher mag mir das erstmalig so aufgefallen sein. Aber für die disziplinverwöhnten Dresdner Konzertbesucher mag es schon ein wenig ungewohnt anmuten, wenn die Musiker des Orchesters alle nacheinander auf der Bühne angekleckert kommen und sich, jeder in bevorzugter Lautstärke, an ihrem Platz einspielen, bis der Konzertmeister auftaucht. Da kommen die deutschen Tugenden wieder zum Vorschein: Hier kriegt man bereits im Kinderorchester vermittelt, wann man wie wo einzulaufen hat und wie man sich diszipliniert gemeinsam setzt. Es war doch unterhaltsam, diesen Unterschied mal so deutlich vor Augen geführt zu bekommen.

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