über Trauer

Zuerst füllen sich nur die Augen ein wenig, oft in Gesellschaft. Darauf hat einen vorher doch keiner vorbereitet, was es für Folgen haben kann, auch nur ein mal kurz daran zu denken, wenn andere Menschen in der Nähe sind. Es ist sehr reflexartig und kaum zu stoppen und ich  habe eine Menge Strategien entwickelt, um die wässrigen Augen zu verbergen. Husten, Niesen, Brille oder Nase putzen, etwas ins Auge bekommen, das Make-Up richten, in der Tasche wühlen. Der Gedanke wird verboten, ist im gleichen Augenblick aber wieder da. Er beißt sich fest, saugt sich regelrecht ans Hirn an, je mehr ich ihn zu verdrängen suche, der Druck wächst. Fluchtartig, aber nicht zu schnell, um möglichst wenig Aufsehen zu erregen, verlasse ich den Raum und suche einen stillen Ort, um die Gefühle zu sortieren. Hinter den Augen scheinen nur noch Tränen zu sein, Tränen und dein Bild, beides drückt von innen gegen die Augen. Nur nicht heulen, ruhig atmen. Ob ich müde bin, werde ich dann manchmal gefragt, und ich sage ja, denn das ist irgendwie einfacher zu erklären als traurig. Komischer Weise schmerzen danach zu erst die Ohren, wenn ich jetzt meinen Kopf bewege, rauschen die Tränen darin in großen Wellen hin und her, dessen bin ich mir sicher. Sie schlagen gegen die Schläfen, überschlagen sich und rollen dann auf die andere Seite um das Schauspiel zu wiederholen, bis sie nach langer Zeit langsam verebben und dort verschwinden, wo sie entsprangen.

Anfänglich habe ich sehr viel geweint. Häufig bin ich früh mit Tränen in den Augen aufgewacht und wusste dann, dass ich von dir geträumt habe. Manchmal konnte ich mich daran erinnern, was ich träumte, zum Beispiel dass du angerufen hättest um mir zu sagen, dass es dir jetzt gut geht. Selbst wenn ich daran denke, muss ich heulen und daran denken, wie doof du meine ganze Heulerei gefunden hättest, wovon ich selbstverständlich schon wieder heulen muss. Alles in allem keine besonders günstige Situation, wenn man Tränen unterdücken möchte. Erst als ich wieder einiger Maßen ruhig schlief merkte ich, dass ich nicht mehr von dir träumte. Natürlich hat mich auch das traurig gemacht, meine letzte lebhafte Verbindung zu dir schien wie abgeschnitten; die Gelegenheiten, dich in Gedanken bei mir zu haben mussten nun von der Schlafenszeit auf die Tageszeit wechseln, was einen erheblichen Mehraufwand an Tränenvertuschung bedeutete. Anfänglich schob ich es in der Öffentlichkeit auf eine Allergie, über die niemand nähere Fragen stellte weil entweder nach Nennung eines halbwegs plausiblen Grundes ohnehin kein weiteres Interesse bestand oder viele sowieso wussten, dass ich sie nicht habe. Später bekommt man rechtzeitig mit, wenn die Gedanken schwermütig werden und ein Rückzug für einige Minuten angebracht wäre. Nur manchmal noch trifft es mich unvorbereitet, oft in Gesellschaft. Daraf hat einen vorher doch wirklich keiner vorbereitet.

Überhaupt ist die Vorbereitung auf Trauer im menschlichen Körper nicht wirklich ideal, das möchte ich an dieser Stelle anmerken. Wochenlang weiß man nichts mit sich anzufangen und kann nicht einmal halbwegs sortieren, was man fühlt und ob das gesellschaftskonform ist oder auch nicht und ob mich das zu interessieren hat oder auch nicht. Was passiert denn zum Beispiel, wenn man in der Öffentlichkeit weint? Wer weiß das schon, erst recht ein Jahr später. Und dann diese dauerhaften Rückfälle! Mal ist es ein Buch, mal ein Foto, mal nur eine Redewendung. Von Videos möchte ich da noch gar nicht sprechen, die kann ich noch immer nicht sehen ohne das dringende Bedürfnis zu haben, auf der Stelle einfach umzufallen und nichts mehr zu spüren. Aber wem wäre damit schon geholfen.

Also weine ich weiter, immer mal, nicht in Gesellschaft, und weil alle sagen, dass es besser wird, wird es das sicher auch. Ich arbeite eifrigst an der Verbesserung zahlreicher Strategien und bin in einigen Dingen sogar schon wirklich gut, das müsstest du sehen können, du würdest es gut finden. Überhaupt müsstest du eine Menge gerade sehen können. Nur für dieses Gefühl brauche ich noch dringend eine wirksame Strategie.

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