Hohe Kunst für niederes Volk

Happy Birthday, Richard Wagner! Nachdem die halbe Musikwelt sich bereits in der ersten Hälfte des Jahres gierig auf jedes nur mögliche Fitzelchen Wagner gestürzt hat, ist nun der Anlass dafür, man möge fast sagen endlich, da: Richard Wagner feierte gestern seinen 200. Geburtstag. Wobei, genau genommen feierten nur alle anderen, er ist ja schon seit geraumer Zeit tot.

In Dresden beging man diesen Anlass am Vorabend des Anlasses mit einem Galakonzert in der Semperoper, welches für’s gemeine Volk auf den Theaterplatz übertragen wurde. Die Stimmung war hübsch, das Panorama ebenso, der Anlass ohnehin. Auch für die weniger schwere Unterhaltung wurde gesorgt: Olaf Schubert, Urdresdner und als Wagnerauskenner bis dato noch nicht direkt im Sinne der Dresdner verankert, brachte dem zahlreich (vornehmlich vermutlich wegen ihm) zugegenen Publikum ganz spezielle Sichten auf Wagner näher. Man lernte, dass Wagner ein Mann war, Schulden hatte, das Geld abschaffen wollte und Frauen liebte. Auf hübsch humorige, manchmal auch etwas zotige Art. Dem Publikum vor der Semperoper gefiel’s. Vor allem für „70 Jahre Wagner. Das sind 300 Jahre Merkel und 15.000 Jahre Dresdner Stadtverwaltung“ erntete der bekennende Pullunderträger den Jubel der Massen. Den Fragen um Wagnersche Werke ging er gekonnt aus dem Wege.

Wer danach den Theaterplatz nicht verließ erlebte einen Wagner-Blumenstrauß der schönsten Melodien energiegeladenen Abend voller Wagner-Ouvertüren und -Arien. Und Jonas Kaufmann. Und natürlich Christian Thielemann, den, so scheints, glänzenden Retter des Wagner-Images, nicht nur in Dresden. Über die musikalischen Qualitäten des Abends schreibe wohl lieber jemand lese man bitte diese Zeilen bei mehrlicht, der ihn direkt live in der Semperoper erleben durfte. Ich beschränke mich lieber auf das Rahmenprogramm. Denn ein Highlight sollte noch folgen: Gemeinsam mit dem Opernchor und dessen Leiter sollte noch der Einzug der Gäste aus Wagners Tannhäuser einstudiert werden. (Wer dachte sich da: Lieber Theaterplatz als Tennisplatz?) Unter „einstudieren“ versteht der Eine oder Andere sicherlich „einüben“, in diesem Falle beschränkte es sich auf ein „vorsingen lassen und dann müssen gleich mal alle ran“ mit eingeblendetem Text. Was entstand war eine allumfassende Stille abseits der Bühne und ein paar wenige, die dafür umso lauter und motivierter mitknödelten. Zumindest kann man sich sicher sein: spätestens nach der Aufführung dieses so entstadenen „Fernchores“ (der Chor sang aus dem Zuschauerraum der Oper zur Zugabe, draußen krähten wir Laien zum zarten Ton der Lautsprecher) ist Wagner wirklich tot!

Alles in allem war es ein volksnahes Fest zum Geburtstag eines der Säulenheiligen deutscher Kultur. Wenngleich ich für die nächste derartige Aktion vorschlage, es bei einem „Happy Birthday“ zu belassen. Man könnte ja ein regelrecht wagnersches nehmen…

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