Wie Konzerte entstehen

Prolog: Nach dem Konzert ist vor dem Konzert.

Es werden sämtliche Noten eingesammelt. Natürlich nimmt stets mindestens ein Tubist, eine zweite Flöte oder, noch lieber, eine niemals anwesende Aushilfe ein paar Originale mit nach Hause. Jeder Notenwart freut sich über ein solches Ereignis.

Zwei Wochen später. 

Nach der unvermeidlichen postkonzertanten Ruhephase beginnen die Proben wieder. Die Musiker begrüßen sich untereinander und ihre Instrumente, als hätte man sich lange Zeit nicht gesehen. Bei einigen trifft das auch zu. Sie haben nicht nur abstinent vom nach-der-Probe-Bier, sondern auch von ihrem Instrument gelebt.

Der erste Ton erklingt. Kaum zu glauben, dass man vor zwei Wochen ein Konzert mit hochwertiger Literatur gespielt hat, wenn der Stimmton eher nach Musikunterricht, Klasse 4 klingt. Man einigt sich, wie in all den Jahren davor, auf Stimmton 443Hz. Oder nicht lieber doch 441Hz? Also letztes Jahr… Das erste dirigentische Machtwort beendet die fünfminütige Diskussion.

Neue Literatur wird ausgeteilt. Sofort beginnt hektisches Wühlen in vorsortierten Stimmenmappen. Danach bereitet das Blattspielen allen, vor allem aber dem Dirigenten, höchste Freude. Erste Zweifel am gelingen des Unterfangens „Nächstes Konzert“ machen sich breit. Die ersten Fans einzelner Stücke sind bereits auszumachen, ebenso ihre Kontrahenten. Müssen wir wirklich das spielen? Der Dirigent hebt an zu einer mittleren musikwissenschaftlichen Abhandlung über die verteilten Werke. Nach ersten Gesichtszügen schlafen unvermittelt einige der dazugehörigen Musiker ein.

Weitere 4 Wochen später.

Langsam klingt es nach Musik. Außerdem ist es beruhigend zu wissen, dass sich manche Dinge nie ändern: Es entwickelt sich alles. Manche Menschen üben, andere nicht. Und der zweite Klarinettist, zweites Pult, kommt, unter Missbilligung von Registerkollegen und Dirigenten, immer eine halbe Stunde zu spät zur Probe.

Die Soli werden verteilt. Warum dürfen die eigentlich immer nur die anderen spielen? 

Weitere 3 Wochen später.

Das Konzert ist nun bereits 9 Wochen her. Nahezu Halbzeit! Es geht zum Probenwochenende in ein beliebiges Kindernaherholungszentrum in Sachsen. Oder wie viele Musiker es sehen: Ferienlager mit Musik. Dort wird dann viel geprobt, viel sich kennengelernt und ein bisschen getrunken. Manchmal geraten die Wertigkeiten allerdings etwas durcheinander.

Der Dirigent bescheinigt allen: Es geht voran!

Weitere 2 Wochen später.

Es ist nun klar, wer zum bereits seit einem jahr feststehenden Konzerttermin nicht anwesend sein kann. Kommt aber auch immer überraschend, so ein Jahresurlaub. Der Dirigent tobt. Erste Soli werden umverteilt. Natürlich trifft es trotzdem immer die Falschen.

Weitere 3 Wochen später.

Man weiß nun genau, welche Stimmen zum Konzert nicht aus den eigenen Reihen besetzt werden können. Warum schreiben die Komponisten auch für Altklarinetten und Kontrafagotte? Sowas spielt schließlich kein normaler Mensch. Nur Aushilfen, die spielen sowas, und daher werden sie jetzt gesucht.

Dem zweiten Bariton-Spieler fällt ungefähr genau jetzt auf, dass er die ganze Zeit die falsche Stimme spielt. Außerdem entdeckt der Tenorsaxophonist, dass er von einem Stück ja noch gar keine Noten besitzt. Als er das laut äußert, ist ein Herzinfarkt des Dirigenten nicht ganz auszuschließen.

Weitere 2 Wochen später.

Noch 3 Wochen bis zum Konzert. Die ganz schweren Geschütze werden aufgefahren: Röhrenglocken, Marimbaphon, Vibraphon und x Pauken werden für die kommende Zeit ausgeliehen. Der Kassenwart des Orchesters erleidet beim Gedanken an das Vereinskonto sofort physische Schmerzen.

Der Probenturnus wird erhöht. Sah man sich sonst nur ein Mal pro Woche und zum Bier, trifft man sich nun drei mal zum Proben (Bier optional, aber nur danach). Die Musiker sind ob des nun häufiger tobenden Dirigenten achtsamer und haben in den vergangenen Wochen vorsorglich ihre Erste Hilfe-Kenntnisse aufgefrischt.

Zwei Wochen vor dem Konzert.

Erfolg! Eine Zeitung hat sich gemeldet, man möchte einen kurzen Beitrag über das Orchester und das anstehende Konzert bringen. Ein Redakteur kommt zu Besuch zur Probe. Im darauffolgenden Artikel erscheint allerdings ein falsches Konzertdatum. Der Orchestervorstand denkt über eine stetige Anwesenheit eines Arztes in den Proben nach.

Noch mehr Erfolg: Es fand sich eine Aushilfe für die Kontrafagottstimme! Auch eine Altklarinettistin war aufzutreiben! Das wiederum ist Balsam für eine geschundene Dirigentenseele.

Leider gibt es auch Misstöne. Ein Posaunist wird unvermittelt vor der Probe von seinem eigenen Instrument gebissen. Es hatte ihn einfach nicht wiedererkannt, sie haben sich so lange nicht gesehen. Auch wenn es vielleicht nicht wahr ist: Es klingt zumindest genau so.

Eine Woche vor dem Konzert.

Die Kontrafagottaushilfe sagt wegen grippalem Infekts ab. Auch andere Musiker wurden von der Krankheitswelle überrollt. Kurzzeitig entstehen Fantasien, Proben und Konzerte zukünftig in einem Krankenhaus stattfinden zu lassen.

Ansonsten wird dem Orchester bescheinigt: Es entwickelt sich. Eine Woche vor dem Konzert sorgt das allerdings nicht unbedingt für Ruhe in den eigenen Reihen.

Das letzte Solo wird noch mal umverteilt. Warum auch nicht.

Drei Tage vor dem Konzert.

Ein Wunder ist geschehen! Die Kontrafagottaushilfe ist wieder gesund.

Ein Tag vor dem Konzert.

Generalprobe. Abgesehen davon, dass der dritten Klarinette, erstes Pult ein Stückchen Klappe abbricht, passiert – nichts. Kein gutes Zeichen. Die Verunsicherung wächst.

Tag des Konzertes, Mittag.

Beim Eintreffen am Konzertort sind nirgends Hinweise auf das Ereignis zu finden. Frustration macht sich breit, wird aber schnell mit dem Anbringen von Plakaten wieder verscheucht.

Beim Aufbau der Bühne quetscht sich die erste Flöte die Hand ein. Mangels Eisspray wird jemand freigestellt, mit ihr die nächste Apotheke aufzusuchen. Bleiben noch genau zwei Leute zum Bühnenaufbau.

Tag des Konzertes, 14 Uhr.

Der LKW mit dem Schlagwerk trifft ein. Man würde die schweren Gerätschaften gern über einen Aufzug transporieren, was auch kein Problem wäre, wäre der Schlüssel für den Lastenaufzug vorhanden. Eine lustige Verfolgungsjagd auf der Suche nach dem Hauspersonal beginnt.

Tag des Konzertes, 16 Uhr.

Bühne und Schlagwerk sind aufgebaut, es fehlen lediglich drei Stühle. Diese zu beschaffen grenzt allerdings an ein Drama epischen Ausmaßes.

Alle, die beim Aufbau der Bühne und dem Transport des Schlagwerkes geholfen haben, sind klatschnass. Duschen gibt es natürlich keine.

Tag des Konzertes, 16.30 Uhr.

Anspielprobe. Der Saal klingt vorzüglich. Erste Vorfreude macht sich breit. Außer bei Klarinetten, Oboen, Fagotten und Saxophonen: Sie bemängeln die trockene, heiße Luft. Da spricht doch kein Blatt an! Und diese Scheinwerfer, können wir die nicht ausmachen? Ich kann so nicht arbeiten! Der Dirigent reagiert mit Missbilligung, die Holzbläser fühlen sich unverstanden. Streik liegt in der Luft.

Tag des Konzertes, 17.30 Uhr.

Fototermin. Der Fotograf ist anwesend, hat sich aber keinerlei Gedanken darüber gemacht, wie man ein Orchester von bald 60 Mann hübsch in Szene setzt. Dafür sehen alle fantastisch aus. Alle, bis auf einen Trompeter, der seine Krawatte und die schwarzen Socken vergessen hat.

Tag des Konzertes, 19.17 Uhr.

Beim Einspielen im Einspielraum entbrennt eine heftige Diskussion darüber, dass man das letzte Vierteljahr komplett auf 441Hz eingestimmt hätte und 443Hz sowieso viel zu hoch für das jeweilige Instrument wäre. Auch der Flügel zählt nicht als Argument. Es brechen fünf heiße Verhandlungsminuten an, an deren Ende sich die 443Hz-Gegner allerdings fügen.

Letzte Frisuren werden gerichtet und sowohl Köpfe als auch Schuhe mit Haarspray plastiniert.

Tag des Konzertes, 19.32 Uhr.

Das Konzert muss mit einer kurzen Verspätung anfangen, da der Oboist die Bühne fast ohne sein Instrument betreten hätte.

Immerhin: Der Saal ist voll. Dem Kassenwart fallen, laut hörbar, einige Steine von der Brust.

Danach läuft alles, wie es immer läuft: Töne werden gespielt, Reden werden geredet, Blumen werden übergeben, Hände werden geklatscht.

Epilog: Nach dem Konzert.

Der Dirigent ist froh und zufrieden, beglückwünscht seine Musiker und sagt, er hätte das ja von Anfang an gewusst. Allgemeine Euphorie macht sich breit. Außer vielleicht bei den Schlagzeugern, die noch längere Zeit mit der Beräumung ihres Arbeitsplatzes beschäftigt sind, und bei den üblichen wenigen Verdächtigen, die die Bühne abbauen. Als Dank für diese organisatorische Leistung bekommen sie auch bei der anschließenden Feierlichkeit keinen Sitzplatz mehr.

Alle attestieren sich gegenseitig ein gelungenes Konzert und freuen sich, hochmotiviert, auf das kommende. Und natürlich werden sie üben in den kommenden beiden Wochen!

Es werden alle Noten eingesammelt. Also fast alle. Wie immer eben.

[Anmerkung d. Red.: Alle hier erwähnten Begebenheiten sind vielleicht nicht komplett frei erfunden, aber völlig losgelöst von konkret handelnden Personen. Es fühle sich also bitte niemand auf den Schlips getreten!]

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5 Gedanken zu “Wie Konzerte entstehen

  1. Sehr lesenswerter Artikel! Das mit dem Fotografen sollte noch korrigiert werden, da der eigentliche welche angeblich am gleichen Tag absagte und er schlussendlich eingesprungen ist. Wurde mir jedenfalls auf Anfrage mitgeteilt. 😉 LG, TS

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  2. Hallo TS, ich grüble noch, wer du bist! 😉 Danke für's Kompliment erstmal! 🙂 Ich bezog den Text, auch wenn's vielleicht nicht gleich so klingt, gar nicht vordergründig auf das vergangene Konzert. Das sind durchaus Betrachtungen, die man häufiger machen kann, auch wenn ich sie vielleicht etwas überspitzt habe. 😉

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