Bis zum fatalen Ende


 Bis zum fatalen Ende

Webers Freischütz an der komischen Oper Berlin

Vieles kommt mir in den Sinn, denke ich an Webers „Freischütz“. Deutschtümelei, der romantisch-rauschende Wald, die immer ein wenig nach sächsischer Schweiz anmutende Wolfsschlucht, allseits bekannte Jägerchöre, Dresden und Melodien, die zum Mitträllern bekannt sind. Einzig mit einem Splattermovie hätte ich die wohl urdeutsch-romantischste aller Opern niemals verbunden. Die Komische Oper Berlin tut das hingegen. So heißt es auf der Webseite der komischen Oper: „Der spanische Regisseur Calixto Bieito bleibt auch im Umgang mit urdeutschester Opernromantik seinem Hang zum Aufbrechen vertrauter Sehgewohnheiten treu.“ Damit können nur Sehgewohnheiten eines Publikums, welches seit einiger Zeit kein Opern- oder Theaterhaus mehr von innen sah, gemeint sein. Wer sonst hat sich noch nicht an nackte Menschen, Blut und Totschlag auf der Bühne gewöhnt?
 
Die Oper beginnt mit einer heimeligen Szene: Während sich das Orchester um die Ouvertüre bemüht, sieht das Publikum einige Minuten einem Schwein zu. Ja, richtig, einem Schwein, einem echten (der Begriff „Rampensau“ bekommt hier eine völlig neue Bedeutung…). Es lässt sich auch von einem mit Bäumen sprechenden, etwas verwirrten Mann in Jogginghosen, auf dessen blankem Bauch eine überzahl von Kreuzen baumelt und der einem armen Irren gleicht, nicht stören. 
Verschwindet er, taucht die Gemeinschaft der Jäger und mit ihr Max auf. Wir bekommen es mit einem von Versagensängsten geplagten Max zu tun, der einer schier übergewaltigen, rohen und bis unter die Zähne bewaffneten Jägergruppe wie der letzte romantische Feingeist gegenübersteht. Seine Ängste und der Druck der Gesellschaft werfen ihn bereits zu Beginn der Oper buchstäblich zu Boden – er lässt’s ja mit sich machen. Schnell wird klar: Wenn er sich weiter so aufführt, kommt er nie wieder in die Normalität zurück, ein grundlegendes Scheitern ist vorprogrammiert. Dabei hat sein Verhalten etwas durch und durch menschliches: Er hat Angst, am darauffolgenden Tag beim Wettschießen ebenso zu verhauen, wie er es in den letzten Tagen tat, und dadurch nicht nur weiter den bissigen Spott seiner Mitmenschen zu ernten, sondern auch die eigene Liebste nicht heiraten zu dürfen. Die nämlich, und mit ihr die Erbförsterei, ist an den Sieg am Folgetag geknüpft. Man hat Mitleid mit dem armen Kerl, zwischen dem blutverschmierten und gewehrereckenden Jägervolk ist er einzige, der aus der Masse heraussticht. Dennoch: Max will dazugehören, er will wieder der Meisterschütze von einst sein. So ist er nicht nur empfänglich für den Alkohol, den ihm sein Buddy Kaspar verabreicht, sondern gleichwohl für dessen Vorschlag, mit ihm in der Wolfsschlucht „Freikugeln“ zu gießen. Kaspar wiederum paktiert mit dem Teufel und muss seine eigene Haut retten, indem er diesem Max, dessen potentielle Braut Agathe und ihren Vater opfern möchte. 
Was folgt ist eine Schlacht aus Kunstblut und Holprigkeiten. Verwundert wird der eine oder andere Zuschauer schon gewesen sein, dass bereits im ersten Akt auf der Bühne eine Frau wie ein Tier gejagt und ausgeweidet wurde. Bieito geht allerdings noch viel weiter: Kaspar schleppt zur okkulten Handlung ein geknebeltes Brautpaar an, dessen weibliche Hälfte, nach der schnellen Tötung, zum essentiellen Bestandteil des Kugelgießens wird, wobei „Gießen“ hier der falsche Begriff ist: Auch anatomisch ungeübte Zuschauer werden begriffen haben, dass Kaspar die Kugeln, aus welchen Gründen auch immer, vaginal einführt. Wozu ein solch albernes Potenzspielchen? Samiel taucht gar nicht erst auf, der arme Bräutigam hingegen muss die Szenerie winselnd ertragen, bevor auch er ins Jenseits befördert wird. Dafür materialisiert Bieito Maxens Mutter, die als altes, seniles Mütterlein durch den Wald hutscht. Wofür es ihrer bedurfte, um die Wahnvorstellungen des Geplagten zu verdeutlichen? Ich weiß es nicht.
Gleichzeitig transformiert sich Max zum Tier. Bieito möchte offenbar verdeutlichen, dass er durch seinen Pakt mit dem Teufel alles menschliche ablegt – aber warum? Und warum rennt Kaspar dann nicht nackig durch den Wald? Max, verkörpert von Vincent Wolfsteiner, bleibt jedoch nach Bieitos Lesart leider nur ein Schicksal: entwürdigt muss er nackig und äffisch über die Bühne hoppeln. Bis zum fatalen Ende. 
Der dritte Akt ist, verglichen mit den vorhergehenden, denkbar gerafft. Er beginnt mit Agathes (Ina Kringelborn) kichernder Brautjungferngesellschaft im Häschen- und Schnweinchenkostüm. Die Damen werden zwar auf Dauer wirklich nervig, aber so sind Junggesellinnenabschiede nun mal. Einer dauerhaft jammerigen Agathe schenken sie, ein hübscher Einfall Bieitos die Kranzverwechslung so zu gestalten, als Abschiedsgeschenk zum Jungferndasein einen Trauerkranz – natürlich zu ihrem Entsetzen. Danach geht alles Ruckzuck: Aufzug Jägerchor, Max tritt auf, schießt auf Kaspar und Agathe, verfehlt beide, Kaspar erschießt sich, selbstredend blutspritzend, selbst – und der Zuschauer fragt sich, wo auf einmal der Rest der Handlung hin ist? Stattdessen dürfen die Brautjungfern kichern oder ein bisschen jammern, dass sie keinen Mann abbekommen (einer der scheinbar willkürlich eingestreuten Texte). Wo die Prioritäten des Regisseurs hier liegen ist annähernd nachvollziehbar, wenn auch mir nicht komplett verständlich. 
Natürlich entlädt sich der geballte Gesellschaftszorn nun erst Recht auf Max, der sich in ihren Augen nicht nur schuldig sondern auch zur Witzfigur gemacht hat. Und was nun? Hinrichten? Rausschmeißen? Plötzlich erscheint da der Alte vom Anfang, diesmal ohne Wildsau aber mit Tipp: Gebt dem armen, nackigen Kerl doch ein Probejahr zur Bewährung. Sollte er bestehen, darf er seine Liebste ehelichen. Vordergründig stimmen alle ein, doch kaum dreht der Klausner, von dem nach seinem ersten Auftritt noch nicht wieder die Rede war, der bewaffneten Meute den Rücken zu, trifft ihn eine Kugel. Eine Versöhnung ist in dieser Gesellschaft auf keinen Fall möglich, und so wird auch Max erschossen.
Der Fokus auf die Oberflächlichkeit der Gesellschaft ist kaum zu verkennen. Calixto Bieito scheint darüber allerdings zu verpassen, dass seiner Inszenierung droht, selber zum lediglich an der Oberfläche kratzenden Gruselschocker zu verkommen.
Auch musikalisch war der Abend höchst durchwachsen. Positiv hervorzuheben ist eindeutig der stimmgewaltige Chor. Auch einzelne Solisten, wie die Darsteller von Kuno, Kilian, Ottokar oder dem Klausner fielen positiv auf. Anderen scheint hingegen das Berliner Schmuddelwetter auf die Stimme geschlagen zu sein: Während Vincent Wolfsteiner gefühlt nur mit halber Ausdruckskraft sang, ließ sich Ina Kringelborn als Agathe regelmäßig von Julia Giebel, der Darstellerin Ännchens, an die Wand singen. Unscharf, leise und ausdrucksschwach kamen ihre Arien im Publikum an – wie schade, bei all‘ dem schönen Material! Ähnlich das Orchester: Wer auch immer die musikalische Leitung des Abends inne hatte musste sich wohl arg zusammenreißen, um alle Personen auf den zwei Eben vor sich unter Kontrolle zu bekommen. Da holperte es, vor allem in den hohen Streichern, doch arg.
Einen besonderen Eindruck hingegen hinterließ das Bühnenbild von Rebecca Ringst. Calixto Bieito selber sieht den Wald als den „Motor der Oper“, dementsprechend dominierend ist die Waldszenerie: Vom dem komplett mit abgefallenem Herbstlaub bedeckten Bühnenboden ragen am Anfang nur einzelne, dürre Stämmchen empor. Später hingegen kommen aus dem Schnürboden herab, Wald und Handlung verdichten sich zunehmend. Mit sich wandelnder Lebenssituation der Handelnden ändert sich wiederum auch das Bild: Sowie Max‘ und Agathes Welt aus den Fugen gerät kippen die Bäume, das Chaos wird deutlich. Wenn auch nicht besonders ausgefallen, so ist das Bühnenbild doch das solideste Werk der Aufführung. Hübsches Detail am Rande: Sitzt man weit genug vorn, riecht man den Wald.

Lieber Herr Bieito, anbei noch meine bescheidene Meinung: Kunstblut ist ein alter Hut, der übermäßige Umgang damit führt in meinem Falle einzig zu Sorgen um die armen Mitarbeiterinnen der Kostümabteilung des Hauses. Auch Nacktheit und übermäßiges Morden sind nur noch bedingt ein Mittel zum Schockieren des Publikums. Ein Lächeln, welches sich zu einem leicht genervten Augenverleiern wandelte, erntete die beschwipste Brautjungferngesellschaft im Hasenkostümchen – mehr nicht. Schön wäre es doch, das Konzept vereinfachter, verfeinerter undweniger platt zu gestalten, auf ein paar Überflüssigkeiten zu verzichten und an Stelle einer unfreiwillig komischen Oper ein rundes, schlüssiges Ergebnis abzuliefern. Alte Gruselschocker ziehen schon längst nicht mehr. Eine ganzheitlich qualitativ hochwertige Freischütz-Inszenierung hingegen schon.


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Ein Gedanke zu “Bis zum fatalen Ende

  1. Für mich ist sowas nicht nachvollziehbar. Der Carl würde sich doch im Grabe umdrehen. Fehlt nur noch eine neu komponierte Musik von Dieter Bohlen, dann wäre die Verhunzung vollends perfekt. Mich wundert, dass so was erlaubt wird. Das hat doch null mit den Intentionen von Weber zu tun. In seinem Kopf lief ein Film und dazu hat er die Musik geschrieben. Hier läuft ein ganz anderer Film und die Musik ist die gleiche geblieben. Ist doch voll panne. Modern hin oder her.

    Ich hab mal einen „Hamlet“ (okay, keine Oper) gesehen, da kamen Hubschrauber und Maschinengewehre drin vor. Das war ebensolch ein Schwachsinn.

    Paul grüsst

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