Als das große Wasser kam

 Als das große Wasser kam (II)
Erinnerungen an das Elbehochwasser vor 10 Jahren in Dresden
Mittwoch, 13.08.2002. Wir schnappten unsere Fahrräder und fuhren zum Altmarkt, wohin die zentrale Sandsackfüllstelle vom bereits weißeritzdurchnässten Theaterplatz gezogen war. Unter mittlerweile sengender Sonne schaufelten wir, gemeinsam mit unzähligen anderen Helfern, mit bloßen Händen Sand in Säcke – so beides vorhanden war, denn häufig gab es nur entweder oder. Danach wurden die Säcke in Menschenketten auf LKWs verfrachtet, ca. 10-15 Leute kletterten auf den Sandsackberg auf der Ladefläche und fuhren zum Abladen und Schichten in betroffene Gebiete. Dabei muss das nicht immer nach nachvollziehbaren Gesichtspunkten abgelaufen sein: Es kam durchaus vor, dass wir unter wütenden Protesten von Anwohnern eine bereits vollgelaufene Tiefgarage abdichten sollten. Ebenso schwer nachzuvollziehen war für uns die Verteilung von Sandsäcken um Gebäude, bei denen das Wasser bereits abgeflossen war und höchstens noch aus den Kellern gepumpt wurde, wie z.B. in der Altstadt oder auf der Prager Straße. Gemurrt hat aber keiner. Mit dem Augenmerk auf Effektivität wurde schnellstmöglich gearbeitet. Besonders bitter waren allerdings die Momente, in denen man einen bereits erbauten Sandsackdamm verloren geben musste, weil das Wasser zu schnell stieg. Angst und Verzweiflung der Anwohner waren greifbar. Es waren bedrückende Szenen, die wir miterlebten: Menschen in Tränen, die konsterniert vor ihren überfluteten Wohnungen standen und halfen, wenigstens beim Nachbarn noch die Fenster zu retten, was das Wasser noch nicht erwischt hatte. Wir waren regelrecht froh, uns mit anstrengender, konzentrierter Arbeit davon ablenken zu können.
Ein paar Ärgernisse gab es leider doch nocht. Zum Einen durften wir schon aus Sicherheitstechnischen Gründen nicht mehr auf der LKW-Ladefläche mitfahren, sodass vor Ort Helfer zum Abladen und stapeln gefunden werden mussten – eine verständliche, aber in meinen Augen dennoch überflüssige Maßnahme. Außerdem gesellten sich zu den zahlreichen Helfern vor Ort und auf dem Theaterplatz schnell eine Menge Reporter unterschiedlichster Fernseh- und Radiostationen, deren Brötchengeber man meist schon anhand ihrer Vorgehensweise erraten konnten: Hielten sich die öffentlich-rechtlichen doch eher zurück und befragten vor allem Helfer, die Pause machten oder auf einem LKW saßen (so kam ich z.B. zu einem ziemlich verdreckten Auftritt in der Tagesschau), drängelten sich die Berichterstatter der großen Privatsender meist direkt in Sandsack-Verladeschlangen. Damit nervten sie wirklich jeden und störten natürlich jeglichen Ablauf. Nur durch ziemlich deutliche Worte war ihnen beizukommen. 
Das größte Ärgernis war allerdings enie Falschmeldung. Die Gerüchteküche brodelte ohnehin und jeder, der von irgendeinem „Sandsack-Ausflug“ zurückkam, brachte neue Berichte aus einem anderen Stadtteil mit. Getreu dem Stille-Post-Prinzip wurden daraus häufig noch größere Dramen, als sie es ohnehin schon waren. Von der Ausquartierung der Kunstschätze aus dem Zwinger hörten wir schon zeitig, auch dass durch die Überflutung der Altstadt die halbe Oper unter Wasser stand, wussten wir (was das an Schaden bedeutete, erschloss sich uns jedoch erst deutlich später). Wie ein Lauffeuer allerdings verbreitete sich die Nachricht, in Malter wäre der Damm gebrochen, alles ginge noch mal von vorn los und der altmarkt müsse evakuiert werden. Dann ging alles ziemlich schnell: Muntere Panik unter vielen Helfern und nur wenige, die das für eine Ente hielten. Zum Glück war es eine.
Die Fluten in Nähe der Musikhochschule
Während sich die Weißeritz zurückzog, stieg nun das Wasser von der Elbseite bedrohlich schnell. Pegelstände aktualisieren war regelrecht zum Sport geworden. Die Stadt reagierte und richtete mehrere dezentrale Hilfspunkte ein, sodass wir in den kommenden Tagen nicht mehr in die Stadt, sondern nur noch auf die Südhöhe radelten. Dort, im garantiert Trockenen, arbeiteten tagsüber zum Teil fast so viele Menschen, dass man sie hätte lieber an andere Hilfspunkte schicken können, denn man stand sich fast im Wege. Dabei gab von der Korrdinierung über die Versorgung der Hilfskräfte bis zum Einrichten von Hilfsquartieren in Schulen und dem allseits bekannten Sandsackschaufeln ausreichend zu tun. Kurzer Hand erklärten sich doch viele bereit, tagsüber zu schlafen und nachts zu arbeiten. Außerdem erinnere ich mich an ganze Familien, die mit Essen und selbstgebackenem vorbeikamen, an gitarrespielende Moralunterstützung und an viele Firmen, die ihre Arbeiter freistellten, damit sie lieber halfen. Dank ihnen, ihren Fahrzeugen und von Firmen verliehenen Pumpen und Notstromaggregaten konnte alles noch reibungsloser vonstatten gehen. Es passieren dennoch auch immer wieder Missgeschicke: Helfer, die zum Sandsackabladen mitfuhren, wurden in den unterschiedlichsten Stadtteilen vergessen. Als es mich auch ein mal traf, sprach ich jedoch einfach einen fremden Autofahrer an, der mich freundlicher Weise wieder zurückbrachte. Man half sich einfach.
Danach war allerdings meine Zeit bei den Sandsäcken vorbei. Auch mit 15 Jahren hält ein Rücken nicht mehr alles aus, und so war ich froh, dass mit dem Eintreffen erster Kühllaster eine Versorgungsstelle eingerichtet wurde, in die ich wechselte, nur nachts waren wir manchmal noch „beim Sand“.
Die Tage verschmelzen, im Rückblick, zu einer einzigen langen, warmen Zeitspanne. Im Versorgungszelt hörten wir, vor allem von den Einsatzkräften von Feuerwehr, THW und Maltesern, was in den umliegenden Stadtteilen passierte. Das Klärwerk in Kaditz ist überflutet, Laubegast eine Insel, das Schlossin Pillnitz abgesoffen, der und der und der Stadtteil vollgelaufen. Dank der Evakuierung weiterer Krankenhäuser hörte man dauerhaft Hubschrauber über der Stadt, sie mischten sich in die Martinshörner der Einsatzfahrzeuge. Nachts brannte zwar auf der Südhöhe das Licht – der Blick auf die Stadt war allerdings einer ins gespenstische Dunkel, da die Straßenbeleuchtung ausgefallen war. Wir hörten von wichtigen Gebäuden, deren Statik gefährdet war und von den geschlossenen Brücken. Spätestens seit diesen Tagen wissen wir auch, dass das „Blaue Wunder“, die Loschwitzer Elbbrücke, lediglich eine Aufliegerbrücke ist und durchaus in der Lage wäre, vom Wasser mitgenommen zu werden. Außerdem kursierten Spekulationen über losgerissene Schiffe und Fähren und die Notwendigkeit, diese mit Kampfjets abzuschießen. Vieles davon war Dramatisierung der Lage – aber wir hielten nichts mehr für unmöglich, nach dem, was wir alles gesehen hatten. 
Und über all dem stand die ständige Frage, wann der Elbpegel wieder sinkt.
Dann, endlich, die Meldung der Einsatzleitung: Der Pegel steigt nicht mehr. Mittlerweile werden viele Helfer, die zuvor Sandsäcke geschaufelt haben, zum Aufräumen geschickt. Busunternehmen stellen ihre Busse zur Verfügung, es geht nicht nur in Dresdner Gebiete. Unvergessen wird mir bleiben, wie eines Abends eine sehr stille Truppe aus Weesenstein zurückkehrte. Einer der Helfer hatte einen Toten unter den Trümmern eines Hauses gefunden.
Gleichzeitig mit den Aufräumarbeiten begannen die Impfaktionen. Alle, die beim Abreißen und Aufräumen mit der dreckigen Brühe und ihren Hinterlassenschaften in Kontakt kamen, konnten sich gegen Hepatits A impfen lassen. Aber nicht nur dafür waren die Sanitätszelte aufgebaut: Hitze, schlaflose Nächte und Überanstrengung führten bei so einigen zum physischen Zusammenbruch.
Die Normalität kehrte langsam zurück. Mit sinkendem Pegelstand wurden die Hilfspunkte aufgelöst, das große Reinemachen begann. in den Straßen türmten sich Unrat und Sperrmüll, ganze Inneneinrichtungen lagen da zum Teil auf den Gehsteigen. Jeder, der nicht selber betroffen war, kannte zumindest jemanden, den es arg getroffen hatte. Die meisten halfen nun im Verwandten- und Bekanntenkreis. Auch nach Beginn des Schulbetriebes am 22.08.2002 war stets nachmittags noch Aufräumen angesagt. Einige Klassen fuhren zu ihren Klassenlehrern, von denen es doch einige schlimm erwischt hatte, andere, wie unsere, zu völlig fremden Menschen. Alle bemühten sich, schnellstmöglich Normalität herzustellen – eine Normalität, die bei zahllosen zerstörten Brücken, Straßen, Gleisen, Häusern und landwirtschaftlichen gebieten natürlich noch lange auf sich warten ließ.
Und auch ich hatte meine Erinnerung noch lange an dem Ort, an dem meine Flutgeschichte begann: Aus dem Zimmer „meines“ Musikschulfensters sah ich noch fast ein Jahr in ein Haus. Da, wo vorher nur die Fassade zu sehen war, blickte ich nun in noch zur Hälfte eingerichtete Zimmer. Die andere Hälfte hatte, samt der kompletten Hausecke und einem darin schlafenden Mann, die Weißeritz mitgenommen.
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2 Gedanken zu “Als das große Wasser kam

  1. danke für die zusammenfassung. es ist echt schon wieder so langer her… ich habe die zeit übrigens in einer ganz anderen erinnerung. was aber daran liegt, dass ich so gut, wie nichts von den überfluteten straßen mitbekommen habe. zum einen musste ich selber für ein paar tage evakuiert werden, zum anderen habe ich wiederum hauptsächlich am anderen ende der stadt zu helfen.

    besonders hängen geblieben ist bei mir diese unglaubliche solidarität, die du angesprochen hast. es gab auf einmal keine fremden mehr, sondern nur noch unterstützer – und auch wenn alles etwas unkoordiniert war, lief doch alles sehr ruhig und gesittet ab (trotz ständiger panikmeldungen).

    also – nochmal danke für's dran erinnern!

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  2. Gern geschehen.

    Wie selten man daran denkt, ne, wenn's nicht grad einen Jahrestag gibt? Ich kann mich auch noch erinnern wir panisch damals alle auf das Wetter geschaut haben, als es 2006 wieder ein Hochwasser gibt.

    Aber du hast Recht: Am meisten In Erinnerung geblieben ist auch mir diese irre Solidaritäts-Welle. Bei uns am Hilfspunkt waren ja damals auch vor allem Feuerwehren aus anderen Teilen des Landes, und wenn ich mir überlege, was danach gespendet (Geld, Sachspenden, Muskelkraft und Zeit) wurde… sehr beeindruckend!

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