Als das große Wasser kam

Als das große Wasser kam
Erinnerungen an das Elbehochwasser vor 10 Jahren in Dresden

Es ist der 9. August 2002, ein Freitag. Im zarten Alter von 15 Jahren besaß ich das Privileg, dass mein Vater mich, wie jeden Freitagnachmittag, vom Saxophon-Unterricht abholte. Seit Tagen schon herrschte mieses Wetter, eine Besserung war nicht vorausgesagt. Mir war das zu dem Zeitpunkt, ehrlich gesagt, egal. Hauptsache Wochenende!
Die Außenstelle der Musikschule, in welcher ich damals war, befand sich auf der Würzburger, Ecke Tharandter Straße, und somit unmittelbar an der Weißeritz – einem kleinen, bislang wenig beachteten, beschaulichen Flüsschen, welches im weiteren Stadtverlauf Dresdens zumeist unterirdisch seinen Weg findet. Dass sich die in den nächsten Tagen ändern sollte, war zu diesem Zeitpunkt alles andere als vorhersehbar. Ungewöhnlich jedoch war die Menge an Menschen, die sich an den zahlreichen kleinen Weißeritzbrücken Löbtaus mit Kameras versammelt hatte, um den vergleichsweise hohen Stand dieses normalerweise betulichen Rinnsales zu dokumentieren. Auch wir reihten uns ein, zückten die Kamera und hielten fest, was für uns außergewöhnlich war: Allein in den 10 Minuten, die wir dort verbrachten, konnten wir dem mittlerweile sprudelnden Wasser beim Steigen zuschauen! Wir waren mächtig beeindruckt. Naturgewalten live! 
Die Hochwasser-Weißeritz in Löbtau

Gespeist wird die Weißeritz aus kleineren Flüsschen, die diese Bezeichnung bereits zu diesem Zeitpunkt nicht mehr verdienten. Diese wiederum beziehen ihr Wasser aus der bereits in diesem Augenblick gut bis sehr gut gefüllten Tasperre in Malter, welche sonst eigentlich mehr als Naherholungsgebiet denn als Katastrophenausgangspunkt dient. Für keinen von uns war damals denkbar, dass eine Talsperre diesen Ausmaßes überlaufen könnte. Allein die Vorstellung, dass man dort den größten Ablauf öffnen muss, um der zuströmenden Wassermassen von oben und aus dem tschechischen Gebiet Herr zu werden, war in meinen jugendlichen Denkabläufen schon eine beeindruckende Sache.

Warum wir danach in die Sadt fuhren, weiß ich nicht mehr. Gut möglich, dass wir als Katastrophentouristen (in einer Situation, die wir noch alles andere als katastrophal einschätzten!) Richtung Elbe fuhren, um unsere ganz persönlichen so-hoch-steht-das-Wasser-sicher-nicht-so-schnell-wieder!-Bilder zu schießen. Es entstanden Fotos am Filmnächte-Gelände: Die Stühle weitestgehend geräumt, die Bühnenkonstruktion im Wasser, überflutete Elbwiesen, sprudelnde Gullys – und inmitten dieser Szenerie stand ich, die Hosenbeine hochgekrämpelt, im Wasser. Einen so hohen Elbpegel hatten wir noch nie gesehen, das musste doch dokumentarisch festgehalten werden, bevor er wieder fällt!
Weit gefehlt. Am Wochenende wurde der Geburtstag meiner Schwester gefeiert, aber eigentlich war allen eher mulmig zumute. Aus allen Radios und Fernsehern dröhnte Unheil: Wir ahnten, dass es demnächst in der Innenstadt ziemlich nass werden könnte.
Ein Montagmorgen, fast wie jeder andere: Schule für alle, denn noch erreichen alle das Gymnasium. Alle, bis auf die, die in entfernteren Ortschaften wohnen und dort schon zum ersten Mal Feindkontakt mit den schlammigen Fluten hatten und nun besser daheim blieben. am frühen Nachmittag wurden alle Schüler, die auf der anderen Weißeritzseite wohnen, nach Hause geschickt. Zu groß die Gefahr, dass sie später nicht mehr heim kommen. Exakt das wäre kurze Zeit später passiert: Die Talsperre Malter läuft komplett voll, es fließt fünf mal mehr Wasser zu als abfließen kann – sie läuft über. Auch in Glashütte bricht ein Rückhaltebecken, die Müglitz wird zum reißenden Strom. Ortschaften wie Weesenstein, Glashütte, Tharandt und Freital bekommen die Macht des Wassers zu erst zu spüren. Die Weißeritz hat ihr Image als sanft dahinplätscherndes Bächlein vollends verloren und reißt weg, was ihr im Wege steht.
Der Dienstag begann mit einer Telefonkette, aber natürlich fiel der Unterricht aus. Zu gravierend waren die Schäden, die das Wasser bisher hinterlassen hat und die, die noch zu erwarten waren, standen dem in nichts nach. Nach anfänglicher Freude schwang ich mich mit einer Freundin aus der Nachbarschaft auf’s Rad, wir fuhren nach Plauen in Richtung Schule. Die Absperrungen sahen wir schon von weitem: Auch wenn unserer Schule nichts passierte, waren wir völlig geschockt von dem Bild, welches die Weißeritz hinterließ. Die Brücke an der Hofmühlenstraße existierte nicht mehr. Beunruhigt fahren wir heim, unsere Erfahrungen zu berichten. Auf der Coschützer Straße parkten die Autos in zweiter, sogar dritter Reihe: Jeder wollte einen möglichst guten Blick auf die tobenden Weißeritzfluten im Plaun’schen Grund erhaschen! 
Niemandem schwante Gutes: Wenn die Weißeritz derartige Ausmaße angenommen hat, wird sie sich kaum für ein schüchternes, unterirdisches Dasein interessieren, sondern sich ihr altes Flussbett inmitten der Stadt zurückerobern.
Gemeinsam mit Vater und Geschwistern fuhr ich zum Hauptbahnhof, genauer zur Hochschule, in der mein Vater arbeitet. Ob wir gefahren wären, wenn wir gewusst hätten, was uns erwartet, ist fraglich. Mit Gummistiefeln und Wathosen ausgerüstet gingen wir ins Innere des gespenstig leeren Hochschulgebäudes, von dort aus in den Keller, in  uns die dreckige Brühe ca. kniehoch um die Beine schwappte. In Labor- und Bürozimmern versuchten wir wichtige Dokumente und Technik auf die obersten Regalborde zu verfrachten oder ganz zu retten. Vieles hatte sich das Wasser jedoch bereits genommen. Wir haben kaum an materielle Werte gedacht, die dabei verloren gingen. Sehr betroffen haben uns Kinder, die wir ja eigentlich nicht mehr waren, allerdings die Reaktionen unseres Vaters, dem das sehr nahe ging. Vor allem der Blick in ein modernes, eben erst für viele 10.000 Euro eingerichtetes und ca. einen Meter tieferliegendes Labor war für ihn ein Schock. Wie zu erwarten war dort nichts zu retten.
Aber auch über Tage war das Bild kein tröstlicheres: Stand man am Ufer der Weißeritz-Fluten, die die Straßen um den Hauptbahnhof und ihn selber fest in der Hand hatten, war man alle paar Minuten gezwungen, einen Schritt zurück zu gehen. Währenddessen sprudelte das Wasser aus den Eingängen des Bahnhofes und wir konnten ahnen, wie es darin aussehen würde. Eine gespenstische Faszination herrschte unter allen, die das sahen. Beunruhigend wurde es erst, als unter den Brücken vor dem Hauptbahnhof in der Nähe der Budapester Straße ein Mann zu erkennen war, der sein Fahrrad wohl aus dem Wasser retten wollte und so selber in Not geriet. Da wir, noch mit Wathosen bekleidet, die wasserfestesten Beobachter dieser Szenerie waren, gingen wir zu ihm und kamen mit ihm, aber ohne sein Rad zurück ans Trockene.

Es ist wie ein Sog: Selbst wenn man im Trockenen sitzt, kommt man nicht vom Wasser los. Überall liefen die Fernseher und Radios heiß, alle sahen die Bilder von fortgeschwemmten Brücken und mitgerissenen Kuhherden. Voller Fassungslosigkeit hörten wir, dass das Krankenhaus Friedrichstadt evakuiert werden muss. 

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2 Gedanken zu “Als das große Wasser kam

  1. Puh. Zum Glück habe ich hier am Rhein so etwas noch nicht selbst erlebt, es ist wirklich etwas, was einem machtlos macht. 😦 Und es lehrt uns, dass alles was ein Mensch „mitnimmt“ doch immer nur das ist, was ihn selbst ausmacht, nämlich sein Herz. Alles andere wird plötzlich völlig bedeutungslos, unwichtig…

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  2. Das stimmt, Kessi… aber davor ist ja leider keiner gefeit. :/ Aber letztendlich hat dieses Ereignis auch gezeigt, dass die Menschen sihc untereinander unterstützen und helfen, ohne groß nachzufragen. Das war wirklich beeindruckend!

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