Tagebuch einer Busfahrt

Dienstag, 12.06.2012

6:15 Uhr. Trotz der süßesten Überredungskünste will sich mein Körper nicht von mir zu einer weiteren Stunde Schlaf bezirzen lassen. Vielmehr beschäftigt ihn die Frage, was für lebensnotwendigege Gegenstände man alles für eine Woche Urlaub in Wien zu Hause liegen lassen kann.
6:55 Uhr. Grundlegende Verunsicherung über das Reisegepäck macht sich breit und veranlasst mich dazu, die Tasche noch ein mal komplett aus- und wieder einzupacken.
7:30 Uhr. Ich bin seit  über einer Stunden wach und sinniere mittlerweile verschärft darüber nach, was ich zum Frühstück essen soll. Und wieviel Nahrung braucht ein Mensch eigentlich auf einer Busreise? Ich schwanke zwischen Brötchen und Müsli und betreffs der zweiten Frage zwischen viel zu viel mitnehmen und einem Apfel.
7:50 Uhr. Ich beschließe, den Essenskampf durch das Zeitungsstudium zu ersetzen und starre eine gute halbe Stunde auf die Seiten der Tagespost, bis ich realisiere, dass mir nicht mal die Bilder im Gedächtnis bleiben, vom Text ganz zu schweigen. Ein cleveres Ausweich- und Ablenkungsmanöver meines Geistes schlägt fehl.
8:25 Uhr. Ich habe mich für Müsli entschieden. Nach dessen völliger milchiger Durchweichung  komme ich jedoch zu dem Entschluss, dass ich vor Nervosität ohnehin keinen Bissen (wenn man in diesem Falle überhaput noch von beißen sprechen kann) hinunterbekomme. Ich verarbeite die als Alternative zur Auswahl stehenden zwei Brötchen in belegten Reiseproviant und verpacke sie formvollendet in leicht zerrissene Silberfoliereste. Zusammen mit zwei obligatorischen Reisemüsliriegeln und einem Apfel bilden sie die Reiseverpflegung.
8:37 Uhr. Habe ich nicht doch irgendetwas vergessen?
8:40 Uhr. Das Matschmüsli barmt mich. Ich kippe noch trockene Haferflocken drauf und esse die Pampe so schnell wie möglich. Zum Einen, um nicht weiter über die nicht allzu ansprechende äußere Form der Mahlzeit nachzudenken, die einen schon ein wenig an Verdauungsabläufe denken lässt, zum Anderen, um es mir nicht noch mal anders zu überlegen. Nicht nur wegen der Verdauungsabläufe.
8.45 Uhr. Ich sage mir zum mindestens vierhundertsten Mal, dass es sogar in Österreich Läden gibt, in denen man so gut wie alles kaufen kann.
9:00 Uhr. Ich wuchte mich und meinen Reiserucksack, im Volksmund „Kraxe“ genannt, in die Straßenbahn und komme tatsächlich pünktlich an der Zielhaltestelle an. Sogar das Busabfahrtsterminal finde ich problemlos und überlege kurz, ob das nicht vielleicht ein böses Omen ist.
9:40 Uhr. Die Schar internationaler Gäste am Busterminal hat sich mit Abfahrt der bereitstehenden Busse in andere Städte auf ein Rudel Tschechen reduziert, die offenbar auch mit dem von mir inniglich erwarteten Bus gen Prag fahren möchten. Es wird viel geraucht. Ich sehen zum zweiten Mal nach, ob ich den Reiseführer eingepackt habe.
9:50 Uhr. Langsam könnte der Bus aber mal kommen! Ich erblicke es schon vor meinem geistigen Auge: Er kommt nicht! Ich stehe allein hier herum, langsam wird es schon dunkel – und der Bus ist noch immer nicht da! Der Urlaub fällt aus. So wird es sein. Ein spontaner Schreck reißt mich aus meiner umfassenden Schwarzmalerei: Wo habe ich die Fahrkarten? Habe ich sie überhaupt?
9:55 Uhr. Ich habe die Fahrkarten gefunden! Nur der Bus ist noch immer nicht da. Ich habe dafür eine Theorie zum Zigarettenverbrauch meiner Nachbarn entwickelt: Sie rauchen auf Vorrat, weil sie im Bus zum Nichtrauchen verdammt sind. Ich hoffe sehr, dass das stimmt.
10:00 Uhr. Jetzt sollte der Bus eigentlich losfahren. Wenn er denn da wäre. Langsam werden sogar die ultraentspannten Tschechen neben mir nervös. Ich kann nicht sagen, dass sie mehr rauchen als vorher, denn das geht praktisch nicht, aber sie fangen an, zu telefonieren.
10:10 Uhr. Mein Herzschlag wird schneller, der Tonfall der rauchenden, telefonierenden Tschechen wird rauher. Der Bus ist noch immer nicht da.
10:20 Uhr. Vor lauter Schwarzmalerei sehe ich schon fast den am Horizont tatsächlich auftauchenden Bus nicht mehr. Spontane, multilinguale Jubelstürme am Busterminal sind durch die ganze Innenstadt zu hören.
10:25 Uhr. Sämtliche Passagiere samt Gepäck sind im Bus verstaut. Dies erwies sich als schwieriger als gedacht: Da die meisten Mitfahrer bereits von Berlin kamen und einen im Bus sofort eine lähmende Müdigkeit beschleicht, waren so gut wie alle Plätze blockiert. Entweder von einem Oberkörper oder den dazugehörigen Beinen. Nach kurzer Zeit der Suche gelang es mir allerdings, einen von zwei hintereinanderliegenden, unbelegten Doppelplätzen zu finden. Wie konnte das möglich sein? Ganz einfach: Die Herrschaften waren draußen und rauchten. Nach ihrer Rückkehr gab es großes Geschrei: Wo sollte die Gutste denn nun mit ihren Beinen hin? Mein Argument, ich könne schlecht im Gepäcknetz mitfahren, schien sie so nicht gelten lassen zu wollen. Vermutlich hätte sie mit ihrem nun hinter uns sitzenden Mann auch noch ausgeheckt, wie ich in die Gepäckaufbewahrung zu stopfen wäre, hätte nicht der reizende Busfahrer mit „Fahren! Sitzen! Gurt!“ ein strenges und mit einem grimmigen Blick unterlegtes Machtwort gesprochen.
10:30 Uhr. Ich entdecke, dass es ein Bus-W-Lan gibt und bin völlig hin und weg!
10:31 Uhr. Das W-Lan ist passwortgesichert. Der Busfahrer spricht nur tschechisch.
10:32 Uhr. Meine Sitznachbarin ermahnt mich, ich solle „nor ändlischäma die Giste“ einstecken, ich ginge ihr „offde Närvn, aborischdisch!“. Gemeint ist mein Telefon, mit dem ich verzweifelt die letzten Ausläufer mobilen Internets auslebe, bevor wir die Grenze queren. Ab dann bekomme ich stetig liebreizende SMS des sich wechselnden Mobilfunkbetreibers geschickt, die mich über die exorbitanten Kosten eines Auslandstelefonates aufklären.
12:00 Uhr. Nach einer von aus-dem-Fenster-starren geprägten Fahrt erreicht der Bus Prag.
13:00 Uhr. Abfahrt Bus nach Wien vom Busbahnhof Prag. Eine lustige Truppe hat sich als Zweckgemeinschaft bereits am Bussteig zusammengefunden. Die mir bereits bekannten rauchenden Tschechen (sie müssen Lungen aus Teer haben!), die mittlerweile jeder mindestens drei Plastikbeutel dabei haben; ein wirklich äußerst kunterbunt gekleidetes, junges, tschechisches Jetset-Pärchen, bei dessen weiblichem Bestandteil ich mich ernsthaft frage, wie lange man auf Stelzen gehen üben muss, um solche waffenscheinpflichtigen Schuhe tragen zu können; ein paar ältere Damen; versprengte Individualtouristen mit Kraxe, wie ich es einer bin; zwei herrenlose Gepäckstücke und eine Amerikanerin, welcher bei Abfahrt des Busses auffällt, dass ihr Sohn fehlt. Sie springt auf, lässt alles im Bus zurück und verschwindet. Glücklicher Weise taucht sie 5 Minuten später mit einem jungen, ziemlich verkatert dreinblickenden Mann im Schlepptau wieder auf. Gleichzeitig wird das Mysterium der einsamen Koffer gelüftet.
14:30 Uhr. Der Bus lempelt durch tschechische Dörfer. Es muss hier mindestens achtzigmal so viele Kurven und Kürvchen geben wie in Deutschland. Mich beschleicht zunehmend ein mulmiges, leichtes Übelkeitsgefühl. Ich ärgere mich, dass ich, bis auf einen Müsliriegel, sämtliche Verpflegung schon in meinen Magen befördert habe.
15:00 Uhr. Die Landschaft ist mittlerweile langweiliger als Brandenburg. Dazu regnet es auch noch. Das perfekte Umfeld, um sich das Leben zu nehmen.
15:15 Uhr. Der Regen wächst sich langsam zu einem dichten, über die Fenster rinnenden Wasservorhang aus. Mit Blick nach vorn auf die Straße kann ich mich jedoch nicht recht darüber freuen, dass ich dadurch nicht mehr die triste Umgebung sehen muss.
15:30 Uhr. Nicht alle blicken so unentspannt auf die Wetterkapriolen wie ich. Mein amerikanisch-alkoholisierter über-den-Gang-Sitznachbar beispielsweise schläft, wie zu erwarten, seine Mutter liest entspannt. Die Individualtouristen haben sich auf die hinteren Sitze und somit außerhalb meines Sichtfeldes verkrochen. Von den rauchenden Tschechen bekommt man nur mit, dass sie zum Rauchen immer mal auf die Bustoilette verschwinden. Die älteren, tschechischen Damen unterhalten sich lautstark über Dinge, über die sich ältere, tschechische Damen wohl so unterhalten. Einzig das junge Jetset-Pärchen ist ähnlich beunruhigt wie ich.
15:45 Uhr. Ich durchforste meine innere Grundreligiosität nach probaten Mitteln gegen Unwetter. Jesus soll ja damals auf dem See Genezareth einfach über Deck gegangen sein und dem Sturm mitgeteilt haben, dass er nervt und doch bitte aufhören solle. Ich bezweifle allerdings, dass das wirklich hilft. Vermutlich würde mich der Sturm nur auslachen, und das auch noch vor Publikum. Außerdem stelle ich es mir schwer vor, auf einen Bus zu klettern, noch dazu bei dem Wetter!
16:00 Uhr. Regen und Wind sind mittlerweile so stark, dass der Busfahrer kaum noch die Straße vor sich sehen kann. Offensichtlich kennt er sich hier aber aus, er dreht lediglich gegen das Peitschen der Regenflogen gegen die Scheiben sein Radio ein bisschen lauter. Ansonsten ist es im Buss mittlerweile äußerst ruhig, nur ab und an quietscht die Dame mit den Waffenscheinschuhen beunruhigt.
16:05 Uhr. Ich esse meinen letzten Müsliriegel. Wäre doof, wenn nach meinem Ableben noch Proviant übrig bliebe. Danach falte ich mich in Fötalstellung auf meinem Sitz zusammen und harre der Dinge, die da kommen.
16:10 Uhr. Der Busfahrer steckt sich eine Zigarette an. Alle rechnen mit dem Schlimmsten.
16:15 Uhr. Sollte das Licht am Horizont sein? 
16:17 Uhr. Da! Die Gewissheit! Der Regen lässt nach, man kann sogar schon wieder die Straße sehen! Man hört ganze Gebirge von den Herzen fallen, um ein Haar lägen sich alle in den Armen. Die Erleichterung ist förmlich greifbar, ein seltener Moment der Völkerfreundschaft!
17:10 Uhr. Ankunft in Wien. Beim Verlassen des Busses betrachten sich dessen Insassen, als würden sie sich zum ersten Mal sehen.
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2 Gedanken zu “Tagebuch einer Busfahrt

  1. Abgebrühte Jetsetterin? Ich? Haha!
    Fotos habe ich massenhaft, vielleicht sortiere ich mal und ordne jedem Tag ein paar Bildchen zu. Die anderen werden brav analogisiert und tatsächlich eingeklebt. Hat sich mein Oldschool-ich so überlegt.

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