Wunschdenken?

Dresdner Neuste Nachrichten vom 04.06.2012
Nun ist sie also Geschichte, die 35. Auflage der Dresdner Musikfestspiele. Und noch bevor das Abschlusskonzert richtig über die Bühne gehen konnte, erhielten die hiesigen Zeitungen wohl nebenstehende Meldung: Was für ein erfolgreicher Festspieljahrgang! Finanzielle Mehreinnahmen und regelrechte Besucherströme brachten das „Herz Europas“, wie das Motto in diesem Jahr lautete, zum schlagen, die Festivalmacher zum Jubeln – und mich zum Grübeln. 94 % Besucherauslastung, ebenso wie im Vorjahr? Diese Rechnung hätte ich doch zu gern mal dargelegt. Mir scheint, ich war nur zu den Veranstaltungen, die die fehlenden 6% ausgemacht haben. Was allerdings im Umkehrschluss bedeuten würde, dass die restlichen Konzerte allesamt bis auf den letzten Platz belegt gewesen sein müssten, was so nicht der Fall war. 
Eine halbleere Kreuzkirche, eine schlecht besuchte Annenkirche, spärlich belegte Opernränge, nicht mal halbvolle Frauenkirchenemporen und dergleichen mehr erwecken bei mir mitnichten den Eindruck einer 94%-igen Auslastung. Werden die Besucher bei „Dresden singt und musiziert“ (samt Chören, natürlich!) einfach verdoppelt? Wie kommt man sonst auf eine solche Zahl? Und ein Blick in Ticketverkaufsysteme, wie ihn z.T. auch jeder ‚Ottonormalbürger‘ vom heimischen Computer aus werfen kann, bestätigte diesen Eindruck: 94%-iges Wunschdenken der Festpsielorganisatoren liegt deutlich näher als eine so hohe, ja fast schon sozialistisch anmutende Auslastung! Denn die Differenz von Vorverkaufszahlen und endgültig ausgegebener Besucherzahl wird ja wohl kaum an der Abendkasse ausgeglichen worden sein. Falls doch: Diesen Zaubertrick würde ich mir sehr gern verraten lassen! 
Verblüffend ist für mich auch die Konstanz der Besucherwerte. Im vergangenen Jahr schon 94%? Liebe Musikfestspielleute, habt ihr euch da „Die haben das letztes Jahr geschluckt, da werden sie’s dieses Jahr auch wieder abdrucken!“ gedacht? Denn auch wenn es bereits ein Jahr her ist – der Eindruck ist der gleiche wie in diesem Jahr. Und auch 2010 soll es schon 93% gegeben haben (Die Stadt Dresden spricht sogar von phänomenalen 95%!) … da wünscht man sich doch einen Einblick in die Errechnung dieser Zahlen. (In die Zusammensetzung der Mehreinnahmen wünscht sich wohl auch der Eine oder andere einen Enblick, aber das nur am Rande.)
Die Dresdner Musikfestspiele: Für mich ein Mysterium. Natürlich ist es wunderbar, große Stars und internationale Spitzenorchester in der Stadt zu haben. Es ist toll für Dresden, mit derartigen Veranstaltungen werben zu können, zumal das Festival in eine Haupt-Touristenzeit fällt, Aber es verblüfft mich doch zunehmend, wie elitär sich diese Veranstaltung in ihrem Denken und Kommunizieren darstellt – und wie, in meinen Augend, zunehmend profillos. Das „Herz Europas“ bot gefühlt den leicht einheitsbreiigen, allseits bekannten „Blumenstrauß der schönesten Melodien“, der mit großen Namen und viel Glanz aber wenig Überraschung und Begeisterung lockte. Für mich ist es zu wenig, in einer kulturell gut versorgten Stadt wie Dresden einfach nur auf rennomierte Künstler und Ensembles zu setzen. Auf lange Sicht halte ich es für ein Verschleißkonzept, Namen in der Prioritätenliste vor Inhalte zu setzen. Was ganz und gar nicht heißen soll, dass internationale Stars kein Bestandteil dieses Festivals mehr sein sollten! Eine Öffnung hin zu anderen Seiten und einem entspannteren, weniger elitären Umgang mit dem Publikum würde ihm aber durchaus guttun, auch fern von „Let’s Dance“ oder „Dresden singt und musiziert“ – einer Veranstaltung, die ja, wie die Vergangenheit zeigt, mit als erstes auf der Streichliste steht. Eine Öffnung wäre durchaus auch im Sinne der musikalischen Vielfalt wünschenswert: Entscheidet man sich schon für ein in sämtliche Richtungen ausleg- und dehnbares Kaugummi-Thema wie „Herz Europas“, sollte man sich durchaus auch mal weg von Bruckner, Brahms und Co. und hin zu seltener zu Gehör kommenden Komponisten und außergewöhnlicheren Werken, einfach zu größerer musikalischer Bandbreite wenden. Aber da scheint der Mut zu gering, die Sehnsucht nach großen Spielstätten und 94% Auslastung doch zu groß zu sein. Und dann kommt wohl das dabei raus, was John-Edward Kelly beim Konzert in der Annenkirche ausplauderte: Er hätte ja gern etwas außergewöhnlichere Stücke auf’s Programm gesetzt – Jan Vogler bat ihn diesbezüglich aber um eher konventionellere Stücke. Somit blieb für Tristan Keuris‘ „Variationen für Streicher“ nur ein Platz: Die Zugabe. 
Mir bleibt dann wohl für das kommende Jahr nur der Wunsch nach mehr (solchen) Zugaben.
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2 Gedanken zu “Wunschdenken?

  1. Hier endlich mein versprochener Kommentar: Die Auslastungszahlen sind natürlich auf Basis der Verkäufe hochgerechnet und manchmal mögen da auch Kontingente, nicht Sitzplätze gezählt worden sein – wenn für die Kreuzkirche 1000 Karten verteilt wurden und 993 kamen, kommen 99,3% raus, auch wenn die Kreuzkirche 2300 Plätze hätte. Zudem hast Du offenbar wirklich die nicht ganz vollen Veranstaltungen erwischt, bei meinen besuchten Konzerten war es mehrfach komplett ausverkauft (d.h. bis auf den letzten Sitzplatz). Die präsentierten Zahlen sind nicht zuletzt Beweis und Anreiz für weitere Förderung und zukünftigen Besuchermagnet, insofern sind sie auch wichtig. Deine zweite Kritik kann ich auch nicht ganz teilen – „profillos“ war dieser Jahrgang keinesfalls und ein Blumenstrauß bekannter Melodien ebenfalls nicht. Ligeti, Kurtag, Berg, Janacek, Cymbalom und Zigeuner-Musik waren vertreten, viele Künstler bezogen sich explizit auf das Programm, am deutlichsten wohl Pierre-Laurent Aimard, dessen Konzert ich auch eines der absoluten Highlights empfand und das Deine angemahnte Außergewöhnlichkeit allein schon einlöst. Ansonsten darf man aber nicht vergessen, dass die Musikfestspiele wichtiger Träger für hochrangige Gastspiele von auswärtigen Orchestern und Solisten bleiben und diese Funktion exzellent wahrnehmen. Ich war sehr froh, einmal die Klangfarben von NDR-Orchester, Scala und Mariinsky live erleben zu dürfen – wir sind halt leider nicht auf dem Stand von Essen, Köln, Bamberg oder Baden-Baden, die die „facilities“ haben, sich über das Jahr weg dauerhaft solche Stars einkaufen zu können. Allerdings wünsche ich mir auch etwas mehr Mut in den Programmen, es ist ein Trugschluss zu glauben, dass man den Saal nur mit Brahms voll bekommt [siehe Aimard, der Bravo-Rufe für seine Ligeti-Etüden erhielt, oder Grimaud, die Berg ziemlich gekonnt zwischen Mozart und Liszt einbettete] – und für einige Veranstaltungen darf man auch ruhig sagen: never change a winning team. Gerade die Laien- und Schülerkonzerte finde ich wichtig, und dass mal Flops dabei sind, ist nie auszuschließen. Vielleicht ist es nicht falsch, den „Blumenstrauß“ zu erhalten, zu viele Faktoren sind ja bei einem solchen Festival zu berücksichtigen, schon gar in einer Stadt ohne Konzertsaal und mit so vielen guten (!) Möglichkeiten und innerstädtischen Interpreten. Aber Mut braucht es, denn „MUSIK-Festspiele“ sollten eben auch die ganze Bandbreite abbilden können, und da ist mir eindeutig 20. Jahrhundert und Gegenwart zu wenig vertreten. lG 🙂 [P.S. Was ist an Tristan Keuris unkonventionell? 😉 ]

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  2. Vielen Dank für den ausführlichen Kommentar! Ich möchte natürlich niemanden drängen, sich hier zu offenbaren 😉

    Mir ist das System der Kontingente durchaus bewusst und ich bin mir auch im Klaren darüber, dass ich nun nicht gerade in den Renner-Veranstaltungen gewesen bin. Bei beiden (und anderen auch) bin ich mir aber sicher, dass es da keine Kontingentisierung der Karten gab, sondern alle vollständig im Verkauf waren, meines Wissens nach (und das war mit einem Blick in das entsprechende Ticketsystem, das sogar online jedem vorliegt, allen jederzeit ersichtlich). Also interessiert mich die Rechnung schon! Gut, aber darauf möchte ich jetzt nicht unnötig herumreiten. (Die Frage wäre, ob man nicht z.B. für Studenten oder anderweitig ermäßigte dann solche Restkarten zu einem Preis von z.B: 10 Euro ab 30 Minuten vor Vorstellungsbeginn anbietet… zum Beispiel.)

    Ich vermute, mir ist die Definition des „Programmes“ ein wenig zu schwammig, als das ich mich darüber freuen könnte, wie viele Künstler darauf Bezug genommen haben. Sicher, unter dem Titel „Herz Europas“ kann ich sonstwas in ein Programm einbauen. (Mir ist bewusst, dass man Mottos auch nicht zu eng stricken darf.)
    Das heißt ja auch immer alles nicht, dass die Qialität der KOnzerte keine Gute war, das möchte ich betonen! Und ich kanns nur noch mal sagen: Ich finde es auch schln, die Möglichkeit zu haben, internationale Spitzenorchester live erleben zu könne, ohne dafür große Wege auch mich nehmen zu müssen. Aber nur, weil man ein Programm mit Ligeti, Kurtag und Berg würzt (die ja nun mittlerweile auch getrost als etabliert bezeichnet werden können) heißt das nicht, dass sich die Festspielmacher etwas getraut haben. Nein, du schreibst es doch selber: Da muss Frau Grimaud Mozart und Liszt spielen, um einen Berg zu rechtfertigen!

    Vielleicht sollte ich meine Aussage nochmals konkretisieren:

    Es ist schön, internationale Stars, Orchester und Formationen in Dresden erleben zu dürfen. Ich freue mich, dass dieses Festival uns das möglich macht. Ich finde es aber schade, dass kaum Mut bewiesen wird, mal ein paar Schritte aus der sicheren Deckung von BBB (BrahmsBrucknerBeethoven) herausgewagt werden, ohne dass man Mozart als Zückerchen hinterherschiebt. Und wer hat eigentlich festgelegt, dass bei Schüler- und Laienkonzerten nur Wiener Klassik und sie umgebendes zu hören sein darf? Warum eigentlich nicht eine „Sparte“ mit kleineren Konzerten, bei denen man dafür weniger auf die Brahms'sche Mildestimmung des Publikums setzen muss? Das ist der Mut, der mir bei den Musikfestspielen völlig fehlt. Wenn schon offen gemaßregelt wird (daher Kellys Keuris-Beispiel), dass in den großen Konzerten vornehmlich eingängliches zu hören sein soll, könnte man dem 21. Jahrhundert wenigstens im kleineren Rahmen eine Existenzberechtigung einräumen.

    Eines noch: Es mag meine kindliche Naivität sein, die mir Erinnerungen an Festspieljahrgänge vor Jan Vogler ins Gedächtnis ruft, bei denen ich mich zwar nicht an konkrete Programme, wohl aber an mehr Bürgernähe (mit Musikeinlagen vor den Konzertplätzen, „Dresden singt und musiziert“ in einem deutlich expandierteren Rahmen, …) erinnere. Ich weiß nicht, ob das Musikfestspielteam sich einen zu großen Gefallen damit tut, dieses Image (und da bin ich völlig bei dir, Laien- und Schülerkonzerte finde ich auch sehr wichtig!) so in der Mittelmäßigkeit zu kultivieren (und dann aber bitte noch so zu tun, als hätte man das Rad neu erfunden). Schließlich „erzieht“ man sich so ja auch Publikum.

    PS: Im Vergleich mit einer blassen Schubert-Rondo-Interpretation ist sogar Tristan Keuris unkonventionell! 😉 Aber du hast Recht. Sowas kommt eben dabei raus, wenn man sich das Publikum nicht „erzieht“… 😉 )

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