Urlaubsnachbeleuchtungen

Wie man sich als Kind gefreut hat! Letzter Schultag, die Sonne brennt und in der Klasse gab es nur eine vorherrschende Frage: Wohin fahrt ihr denn in den Urlaub? Prinzipiell schon mal gewonnen hatte damals derjenige, der den Fragenden sofort mit „Wir fahren nicht, wir fliegen!“ korrigiert hatte – egal, welches Reiseziel dann genannt wurde. Den zweiten Platz belegten all jene, deren Reise zwar mit dem Auto, aber möglichst trotzdem weit weg ging, bevorzugt ans Wasser. Wie Musik in unseren Ohren klang es damals noch, wenn von Pauschalurlaub in der Dominikanischen Republik gesprochen wurde! Und wie neidisch wurde man, wenn die beste Freundin an der spanischen oder kroatischen Küste im Sand brutzeln durfte! Einen schon recht abgeschlagenen dritten Platz belegte man mit Auslandsreisen zu weniger wasserhaltigen Zielen: Berge, Städte, Kultur sind nun mal in gewissen Altersklassen nicht ganz so beliebt. Auf etwa gleicher Ebene standen die Strände an Ost- und Nordsee. Die waren zwar im Inland (uncool!), hatten dafür aber Küste zu bieten (cool!). Überhaupt war die vorherrschende Meinung dass Urlaub dafür da sei, möglichst weit weg an einem möglichst mit Kindern gefüllten Strand möglichst braun zu werden. Den letzten Platz belegten also all‘ jene, die in einem strandfernen deutschen Ort einen Teil ihrer Ferien verbrachten. Ob nun daheim oder in einem anderen Teil Deutschlands spielte da kaum noch eine Rolle.

Ich müsste lügen zu behaupten, es hätte mich nicht gewurmt, dass ich weder zur besonders coolen Gruppe der In den Urlaub-Flieger noch zur immerhin noch ziemlich sehr coolen Gruppe der Auslandsstrandurlauber gehörte. Mit unseren Urlaubszielen in den österreichischen oder Schweizer Alpen gehörte ich trotzdem immer zum guten Durchschnitt. Immerhin nicht Inland! Während die anderen sich also an überfüllten Bettenburgstränden Sonnenbrände holten, holte ich mir meine in der für eine Zehnjährige regelrecht asketischen Ruhe der Schweizer Berge.

Laufen war für mich damals lediglich ein Mittel, um von A nach B zu kommen – und beim besten Willen kein Urlaubsinhalt, somit also doof. Still sein, um „in Ruhe die atemberaubende Schönheit der Bergwelt zu genießen“, wie meine Mutter uns stets propagierte, war, nicht nur dank meines angeborenen losen Mundwerkes, eine Herausforderung deren Inhalt ich nicht verstand – und somit doof. Buttermilch, Wasser, ein Apfel und Brotkanten mit Räucherwürstchen, eine beispielhafte Jause, war für mich ungefähr wie Blutwurst mit Sülze – also doof. Die örtlichen Schwimmbäder, die in Größe und Attraktivität natürlich kaum mit einem Großstadtfreibad zu vergleichen sind und in die wir abends manchmal gingen waren, na, ratet: genau, doof. Was will man als Zehnjährige auch Bahnen im eiskalten Wasser ziehen. Dass meine Mutter uns andauernd irgendwas von Burgen, Flora, Fauna und Kultur vorlesen wollte, hat mich eher genervt als interessiert und wurde somit ebenfalls als doof abgestempelt. Und am allerdoofsten war, dass ich andauernd nur meine Geschwister um mich rum hatte und nur ganz selten andere Kinder. Nicht, dass meine Geschwister doof wären (obwohl, wenn mich damals manchmal jemand gefragt hätte…) – aber zum Einen sind die z.T. deutlich älter als ich und zum Anderen hatte ich die schließlich auch daheim. Das widersprach dem „Urlaub muss komplett anders sein als zu Hause!“-Konzept völlig. Und dann auch noch in Ferienwohnungen – wie doof! Und am allerdoofsten war das Rucksack-Tragen!

Kurzum: Ich war auf dem „Die Natur ist so schön, alles ist so touristisch erschlossen aber nicht überlaufen“-, „Ach wie herrlich die Luft doch ist!“-,  „Guck‘, die hübschen Blumen!“-, „Da, ein Steinbock!“- und nicht zu vergessen vor allem auf dem „Diese himmlische Ruhe!“-Ohr völlig taub.

Die Jahre gingen in’s Land. Nach und nach fuhren meine Geschwister nicht mehr mit in den Familienurlaub. Unsere Ziele blieben die gleichen, nur meine Einstellung änderte sich etwas. Wandern war OK, Natur war OK, Kultur eigentlich auch, Flora und Fauna sowieso, Ruhe gerade so. Essen war auch OK, die Freibäder ausreichend und die Rucksackmode änderte sich sowohl vom Aussehen als auch von der Funktionalität zum Glück in’s Positive.

Dann kamen Abitur und Studienbeginn und die generelle Erkenntnis, dass man mit 18 ruhig allein in den Urlaub fahren kann. Oder eben auch gar nicht, weil keine Zeit ist. Was folgte, war eine Art Katerzustand: Bereits nach kurzer Zeit kam doch so etwas wie Berge-Sehnsucht auf. Da taugt die naheliegende sächsische Schweiz auch nur mäßig als Ersatz… Mit zunehmender Arbeit und dadurch abnehmender Zeit wurde es immer schwerer, Richtung Berge zu kommen – und vor allem kam nun die Frage: Mit wem? Schließlich waren die Freunde früher alle zum Brutzeln an überlaufenen spanischen Stränden! Es ist ein Trauerspiel, wandern ist gnadenlos out.

Ein klitzekleines Stückchen Glückseeligkeit war es also, dass ich in diesem Jahr tatsächlich gemeinsam mit meiner Schwester (das zum Thema ältere Geschwister und doof!) Zeit für ein paar gemeinsame Urlaubstage fand. Da es unser beider Terminkalender dank entweder vorhergehender oder nachfolgender Aufenthalte in anderen Landesteilen nicht anders zuließ, trafen wir uns quasi kompromissmäßig im Taunus, da eine Reise in die Alpen mehr Zeit im Zug als in der Natur bedeutet hätte.

Mein 10jähriges Ich hätte gestaunt. Wie schön das doch sein kann. Ganz freiwillig. Ohne Hotel. Ganz ohne Küste. Im Inland. Zum Wandern. Und für Stille. Und Kultur. Und Natur. Und Rucksacktragen.

(Die Gegend und unsere dortigen Umstände als solche ist einen eigenen Blog-Post wert. Der hier wurde schon wieder so lang.)

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3 Gedanken zu “Urlaubsnachbeleuchtungen

  1. Oh ich hatte die Sorgen als Kind nicht, da gabs nur die Frage, fährst du überhaupt in den Urlaub, sprich hast du einen der reglementierten und zugewiesenen FDGB Ferienplätze? Wenn nicht , hieß das Balkonien, von Fliegen war nur bei ein Promille der Bevölkerung die rede und dann auch höchstens nach Bulgarien oder zu den Russen.

    Deshalb hole ich jetzt nach, und der Wandertourismus muss noch ein paar Jahre auf mich warten.

    LG Shoushou

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  2. *g ich mag ja diese posts von dir, ne? du stehst dann neben mir und erzählst mir das. schee.

    ich war mit meinen eltern, seit ich 7 jahre alt war, beinahe jedes jahr vier wochen auf sizilien. allerdings sind wir mit dem auto gefahren, was 'cool!' war, weil wir ab genua [norditalien] mit der fähre geschippert sind – 23h auf 'nem schiff mit >=1ooo personen! deswegen waren auch nur noch 3 wochen der 'richtige' urlaub, wir waren jede richtung ~3 tage unterwegs, aber es war trotzdem toll. haben da ja verwandte, cousine meiner mutter mit mann [beide ~7o, er seit diesem jahr verstorben], deren tochter, ~4o mit mann [sohn wohnt in der schweiz], wiederum deren kinder [heute 18 und 21] und diverser tantenOnkelCousinenCousins etc pp. italienische sippe eben. das war schon toll.

    nichtsdestotrotz hatte ich NUR das. kannte also fast keine anderen länder, kenne heute noch immer 'nichtmal' die türkei!11lelf

    ich glaube, da glaubt beinahe jeder, ein defizit zu haben.

    [huch, ist das lang ^^.]

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