… da war auch mein Herz!

Eins vornweg: Keine Angst. Das ist keine theologische Grundsatzabhandlung über den Wert der Kirche in unserer Gesellschaft oder ähnliches. Um den Kirchentag kommt man aber einfach nicht herum, wenn man in der Stadt wohnt, die ihn ausrichtet. Und da ich selber mittendrin war, möchte ich auch ein paar Bemerkungen dazu hier veröffentlichen.
Nun ist er also Geschichte, der Deutsche evangelische Kirchentag in Dresden. 2 Jahre Vorbereitung für 5 Tage Ausnahmezustand. Generalstabsmäßige Planung für ein Event, dass in dieser Größe hier vermutlich noch nie stattgefunden hat. „… da wird auch dein Herz sein.“ lautete das Motto, und über 120000 Menschen hatten ihr Herz an diesem verlängerten Himmelfahrtswochenende in Dresden.
Da war mein Herz am Donnerstag Abend – und das von ca. 30.000 anderen auch. Das Wise Guys-Konzert im Harbig-Stadion in der Glücksgas-Arena war unzweifelhaft für viele der Höhepunkt dieser 5 Kirchen-Tage. Die größte aller Fragen davor war ja: Kommen wir rein? Wir kamen. Dank wahnsinnig guter Organisation kamen nicht nur wir, sondern auch viele andere rein, ohne dass man sich um die Plätze prügeln musste. Im Gegenteil – ruhig und zielstrebig wurden die Plätze gesucht, auch wenn man vielleicht dann nicht mehr in größeren Gruppen zusammensitzen konnte. Dem Spaß hat dies keinen Abbruch getan. 10000, die nicht mit in’s Stadion passten, sahen die Live-Übertragung auf der angenzenden Cockerwiese. Na, und besonders cool war natürlich die Alle-Blitzen-auf-3-mit-ihren-Kameras-so-wie-bei-Robbie-Williams-Aktion.
Und wie gut das doch mit dem Einlass funktioniert hat. Ich bin wirklich schwer beeindruckt von der ganzen Organisation, die nicht nur bei dieser Großveranstaltung einwandfrei geklappt hat. Vor allem haben mich diese Massen an ehrenamtlichen Helfern beeindruckt! Dass Dresdner ihre Wohnungen öffnen und Schulen betreuen ist schön, aber dass so viele Menschen unterschiedlicher Konfessionen aus ganz Deutschland (und von noch weiter weg) kommen, um Zelte und Stände zu betreuen, um Karten zu verkaufen, Einlass zu regulieren, Schulen zu bewachen und sich um alles zu kümmern – da muss ich wirklich meinen Hut ziehen vor all denen! Vor allem aufgefallen sind da natürlich die Johaniter, die bei diesem Wetter in Stress kamen, und die irrsinnig vielen Pfadfinder, ohne die nichts gelaufen wäre. Aber was ich mir wirklich schlecht vorher vorstellen konnte war die logistische Sache. Und siehe da: Die Dresdner Verkehrsbetriebe haben wirklich Eindruck hinterlassen! Das war reibungslos und absolut bemerkenswert, wie die Massen von Menschen da transportiert wurden. Und auch wenn einigen am Anfang noch nicht so klar war, dass man erst Leute aussteigen lassen muss, um selber in einer vollen Bahn Platz zu finden – nach einem Tag hatte sich das eingespielt. Da half auch jeder jedem, wenn mal nicht ganz klar war, welche Linie nun zu benutzen war. Sofort sprang ein Ortskundiger bei und erklärte.
Dort war mein Herz Nachts: Auf dem Altmarkt zur Spätandacht, die echt gut getan hat, um nach der Hitze des Tages ein bisschen wieder runterzukommen. Es wurden Kerzen ausgeteilt, die den Platz in stimmungsvolles Licht tauchten.Teilnehmen konnte jeder – ob nun Kirchentagskarteninhaber oder nicht. Gesprochen hat stets (u.a.) die omnipräsente Frau Käßmann – und das sehr gut. Gar nicht so „durchgeistigt“, wie sich viele immer ängstigen. Überhaupt hoffe ich, dass einige viele Dresdner ihre Scheu abgelegt haben, die hier doch so verbreitet ist. Die Scheu legten schließlich auch viele Kirchentagsbesucher ab. Man kam nett in’s Gespräch – ob’s nun beim Mittagessen an irgendeinem Stand war, in der Straßenbahn beim Haltestellen-Ansagen weil die Monitore ausfielen (oder man den „Trabi-Senf“ einer Mitfahrerin bewundern sollte) oder einfach nur in einer Warteschlange. Und die gab es zur genüge. „Kirche überfüllt“, „Gebäude überfüllt“, „Messe überfüllt“ hieß es nicht nur beim Besuch von Angela Merkel, bei Eckart von Hirschhausen oder beim Wise Guys-Konzert. Zeitiges Kommen sichert eben immer noch beste Plätze. Und wenn man nicht zeitig war – nun, dann konnte man immer noch hoffen, dass man eine Warteschlange im Schatten fand. Und eben einen netten Gesprächspartner. Ich kann jedenfalls mit Fug und Recht behaputen, eine Engelsgeduld an mir entdeckt zu haben, die ich vorher definitiv noch nicht hatte. Und so habe ich ganz nebenbei in der Warteschlange mit einem netten Mann im Alter meines Vaters gesprochen. Man teilt sich eine Wasserflasche und redet so über dies und das – und ganz nebenbei stellt sich heraus, dass er der ev.-luth. Bischof von Odessa ist. So kanns gehen. Leider kamen wir dann alle nicht zu Bodo Wartke rein – auch nicht nach 2 Stunden geduldigen Wartens. Aber trotzdem: Ich habe noch nie eine solche Masse Menschen so friedlich warten sehen. Das hatte ein bisschen was von Festival-Atmosphäre, wo einfach zwischenrein mal mit Bällen geworfen oder gesungen oder Skat gespielt wurde.
Apropos Hitze: Jeder Kirchentagsbesucher kennt jetzt diverse Strategien, um nicht einem Hitzekollaps zu erliegen. Die reichen von ganz viel Schatten und ganz viel trinken über unbedingt Kopfbedeckung, egal wie doof das aussieht und Beine in jeden Brunnen am Wegesrand hängen (respektive in die Elbe) bis hin zu grünes Kirchentagstuch nass um die Schultern legen und anderen kreativen Maßnahmen. Ohne Tuch kam man ohnehin kaum aus. Die Verlockung war doch sehr groß. Heiß begehrt waren auch die Schlüsselbänder mit Taschen für die Kirchentagskarten – so heiß begehrt, dass sie bereits Donnerstag ausverkauft waren. Glücklich, wer noch eines ergattert hatte und somit nicht andauernd das Portemonaie aus dem mit Wasserflaschen randvoll bepackten Rucksack heraussuchen musste, um die Karte zu zeigen. Das musste man, wollte man in sich in Räumlichkeiten befindende Veranstaltungen. In denen konnte man sich dann auch mal kurz abkühlen. Freiluftveranstaltungen ohne nötiges Ticket gab es auch – zum Beispiel für Kinder vor dem Hygienemuseum. Dort konnten die Jüngsten und nicht mehr ganz so jungen sich austoben – und es war wirklich viel geboten für sie. Und wie an so vielen Orten: Sehr kreativ. Überhaupt war für wirklich jede Generation etwas dabei – und vieles war auch für jede Generation geeignet. Natürlich ist nicht jede Diskussion für jede Altersgruppe gleich ansprechend, aber häufig mischte sich doch das Publikum. (An dieser Stelle denke ich allein schon an meinen Vater, den ich „eingesackt“ und mit zu den Wise Guys, die er bis dato noch nicht kannte, genommen habe…)
Es war, nicht zuletzt durch die vielen Posaunenchöre, ein sehr musikalischer Kirchentag. Auch wenn es viele Gelegenheiten gab, auch mal still zu sein, war doch immer irgendwo die Gelegenheit, Musik zu hören oder sich selber daran zu beteiligen. Zahlreiche Konzerte von Solo bis Pop-Oratorium fanden ihren Platz im Programm – und viele Jugendliche fanden (mit Instrument und ohne) ihren Platz auf den Straßen, Wiesen und Plätzen und sangen – ob nun in einer Warteschlange oder einfach so. Sehr beliebt hierbei war übrigens, ganz entgegen sämtlicher Klischeebilder, „Eisgekühlter Bommerlunder“ in gefühlter Endlosschleife. Es war ein fröhlicher Kirchentag. Und ein barrierefreier, so wie es vorher angekündigt war: Nicht nur viele Mobilitätseingeschränkte Personen waren in Dresden, sondern auch viele Blinde und Gehörlose. Sehr eindrucksvoll fand ich dabei die Tatsache, dass bei sehr vielen Veranstaltungen mindestens ein Gebärdendolmetscher anwesend war.
Kurzum: Mein Herz war in den 5 Tagen mitten in der Masse. Dieser Kirchentag hat mir irre gut gefallen und ich habe große Lust in 2 Jahren nach Hamburg zu fahren. Dann allerdings auch mit einem rosa (oder welche Farbe auch immer es dann haben wird) Tuch um den Hals – als Helfer.
PS: Der Bischof von Odessa ist übrigens Schalke-Fan!
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5 Gedanken zu “… da war auch mein Herz!

  1. @Kessi: Mach das mal! Ist wirklich lustig, interessant und ziemlich entspannt! 🙂

    @Dieter: Danke! 🙂 Jau, das sollte doch zu schaffen sein, in 2 Jahren mal wieder nach Hamburg zu fahren… eigentlich müsste es zwischenrein sogar schon mal zu schaffen sein – weil Hamburg so klasse ist!

    @Björn: Mir ist vllig egal, ob irgendjemand ein „großer Christ“ ist oder nicht – hauptsache, er sit nicht grad völlig auf'n Kopf gefallen 😉 Ich finde das auch, was du sagtest: Schön, wenn viele Menschen friedlich und ausgelassen zusammenkommen. Egal, aus welchem Grund.

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  2. Es heißt Glücksgas STADION… nicht
    Glücksgas-Arena.
    Freue mich allerdings, wenn die Leute weiterhin RHS, Harbig-Stadion, Dynamostadion, Hölle von Dresden usw. sagen.

    Viel wichtiger allerdings… sehr schöner Bericht.

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