Willkommen im Schul-Versuchsland Deutschland!

Über kaum ein Thema lässt sich so trefflich streiten wie über Bildung – nicht erst seit PISA. Gerade in Deutschland! Blickt man auf eine Karte der Bildungslandschaft Deutschland, so käme man glatt auf den Gedanken es könne sich immer noch um ein in Fürstentümer aufgegliedertes Gebiet halten. Kaum ein Bundesland ist sich mit einem anderen einig, was den Lehrplan und die Stoffvermittlungspläne angeht, von Prüfungsinhalten mal ganz zu schweigen. Und Zentralabitur? Auch das hat nicht jedes Bundesland nötig! Von bundeseinheitlichen Plänen und Prüfungen wagt man ja kaum zu träumen! Das alles beginnt bei den Kleinsten und endet da, wo es später weitergegeben wird – an den Universitäten in der, freundlich gesagt, Vielfalt der Lehrerausbildung. Dass es allerdings eine Frechheit ist, nach vielen Jahren des Studiums trotzdem nicht als Lehrer in anderen Bundesländern anerkannt zu sein (und dass Bachelor-Master-Studiengänge in der Lehrerausbildung der blanke Hohn sind), möge allerdings an dieser Stelle nicht zum Hauptthema werden. Vielmehr geht es um etwas, was bereits vor seiner Beschließung im Jahr 2007 die Gemüter erhitzte und stetig neu für Gesprächsstoff und Wahlkampfthemen sorgt: G8. Das Abitur nach 12 Jahren.

Schlägt man die Dresdner Neusten Nachrichten vom heutigen 24. Mai auf, so findet man auf der Kulturseite folgende Zeilen:

Pädagogen sehen Orchester gefährdet
Musikpädagogen in Deutschland sehen die Arbeit mit Kinder- und Jugendorchestern an allgemeinbildenden Schulen und Musikschulen akut gefährdet. „Das liegt an der Verkürzung der Schulzeit an Gymnasien auf zwölf Jahre und am Konzept der Ganztagsschulen“, warnte gestern der Vorsitzende des Verbandes deutscher Schulmusiker, Ortwin Nimczik. Dadurch bleibe weniger Zeit für die Ensemblearbeit in und außerhalb der Schule. […]

Lieber Herr Nimczik, liebe Zeitungen, liebe Kritiker des G8-Modells: Langsam reicht’s mir. Ich kann verstehen, dass Sie (und auch die versammelte Schülerschar, die es betrifft) ein Abitur in 13 Jahren deutlich entspannter fanden. Ich begreife auch, dass der Umschwung auf eventuelle zwei Wochenstunden mehr nicht ohne Murren hinzunehmen ist. Aber meinen Sie nicht, dass langsam mal genug Zeit war, sich darüber zu beschweren? Ist nicht langsam mal der Punkt angekommen, an dem man das Beschlossene akzeptiert und lieber versucht, das Beste daraus zu machen?

Acht der 16 deutschen Bundesländer haben es bereits, das Abitur nach zwölf Schuljahren, vier folgen im Jahr 2012, zwei ab 2013, und nur zwei Bundesländer weigern sich standhaft, vor 2016 ein Abitur nach zwölf Jahren einzuführen. Warum? Hoffen sie, bis dahin noch mal alles umwerfen zu können? Denken sie, die Kultusministerkonferenz setzt sich bis dahin noch mal an einen Tisch und überlegt sich „Och nö, war eigentlich doof, was wir uns da ausgekaspert haben, wir nehmen das mal zurück. Die armen Kleinen! Sollen doch mal lieber die anderen 14 Bundesländer auf 13 Jahre umstellen, das bekommen die schon hin!“?

Besonders delikat wird es ja bei einem genaueren Blick auf die Handhabung der einzelnen Bundesländer. In Schleswig-Holstein beispielsweise können die Gymnasien selber entscheiden, ob sie ihr Abitur nach 12 oder 13 Jahren anbieten. In Rheinland-Pfalz ist ein Abitur in 8 Jahren nur als Modellversuch in Ganztagsschulen eingeführt worden. Und Nordrhein-Westfahlen, das eigentlich bis 2013 ein Abitur nach 8 Gymnasial-Jahren eingeführt haben will, erlaubte seinen Gymnasien, bis Ende 2010 eine „Wiederumstellung“ des Abiturs von G8 auf G9 zu beantragen – was von 630 ganze 13 Schulen wahrnahmen! Willkommen in der Kleinstaaterei! Und da ist noch nicht mit einbezogen, dass Rheinland-Pfalz sich nicht mal auf ein Zentrabitur einlassen möchte.

Pardon, aber: Wo sind wir denn hier? Im Schul-Versuchsland Deutschland? Da bekommen 13 von 630 Schulen in einem Bundesland eine wie-auch-immer-befristete Sonderregelung und in einem anderen Bundesland wird etwas, was in anderen Gegenden schon Gang und Gäbe ist, als „Modellversuch“ bezeichnet. Zieht man daraus seine Schlüsse, haben also Schüler in Sachsen und Thüringen, die ein Abitur nach 12 Schuljahren 1949 eingeführt und seitdem nicht verändert haben, ihren Abschluss in einem dauerhaften Modellversuch gemacht. Außerdem waren sie durch das „Turbo-Abi“, wie es so gern und reißerisch genannt wird, eigentlich nur benachteiligt. Gerade was die wenige Zeit für Ensemble-Arbeit neben der Schule angeht! Wegen 2 Wochenstunden, die ab Klasse 11 dazukommen könnten?

Ich finde es eigentlich frech. Jeder ehemalige DDR-Bürger greift sich vermutlich an den Kopf, wenn er das liest. Da gab es keine Frage nach 12 oder 13 Jahren – und den Luxus von lediglich 4 Abiturprüfungen, den man in vielen Bundesländern so lange genoss (und es in einigen heute noch tut) wünschte man sich damals sicherlich auch. Und verrückter Weise sind trotzdem noch, neben all diesem Stress, Musiker dabei herausgekommen. Trotz fehlender Zeit für Ensembles und Orchester!

Obwohl ich meinen Abschluss längst nicht mehr in der DDR erworben habe, konnte ich meine schulische Karriere trotzdem nach 12 Jahren beenden. Artikel wie der obenstehende säuern mich, ehrlich gesagt, ziemlich an. Denn auch wenn ich nicht zwingend die hellste Kerze im Jahrgangs-Leuchter war, habe auch ich es geschafft, mein Abitur zufriedenstellend abzulegen – und nebenher noch einiges anderes zu schaffen. Ich kann mich nicht erinnern, mich ein mal über fehlende Zeit für Ensemble- oder Orchesterarbeit beschwert zu haben! Im Gegenteil: Neben Einzelunterricht in 2 Fächern an der Musikschule hatte ich noch genug Zeit für Orchester- und Ensembleprobe. Und das jede Woche. Und das trotz der geforderten 35 Wochenstunden in Sekundarstufe II (zum Vergleich: In vielen Bundesländern macht man sich Sorgen, weil die Wochenstundenzahl von 30 auf 32 angehoben werden soll). Schaue ich in mein näheres Umfeld, so ist es dort nicht anders. Und auch heute, mit veränderten Abituanforderungen, scheint sich daran nicht viel zu ändern. Im Gegenteil! Gerade mit der Einführung von Ganztagsangeboten, die bei Herrn Nimczik so schlecht wegkommen, bestehen für Ensemble zunehmend Chancen! Das reicht von Schlchor bis Bläserklassen und bietet somit Möglichkeiten gerade auch zur Breitenförderung, die früher nicht bestanden haben. In diesem Kontext klingen Sätze wie die aus der heutigen Zeitung schon fast wie Hohn.

Statt mit solchen Äußerungen die Debatte um einen beschlossenen Fakt weiter anzuheizen, sollten alle, auch der Verband Deutscher Schulmusiker, sich lieber darum kümmern, wie man mit dieser Situation, die ja nun wirklich nicht mehr neu und unvorhersehbar ist, am besten umgeht und sie für sich nutzt. Das dauerhafte Hochkochen dieses Themas zu Leiden der Schüler muss endlich ein Ende haben! Und in diesem Kontext sollten sich wirklich alle Beteiligten Entscheidungsträger, vornehmlich also die Kultusminister der Länder, an einen Tisch setzen, den die Befindlichkeiten ausstellen und mal mit Sinn und Verstand im Sinne der Schüler, der Bildung und nicht zu letzt im Sinne ihres eigenen Landes Vereinheitlichungen beschließen. Das beginnt in der Grundschule bei einheitlichen Förder-, Lehr- und Stoffverteilungsplänen, geht über zentrale Prüfungstermine und ein bundeseinheitliches Zentralabitur bishin zu klaren, deutschlandweit geltendenden Richtlinien, Anforderungen und Prüfungsordnungen in der Lehrerausbildung. Bildung muss Bundessache werden!

Besonders passend ist übrigens die Tatsache, dass wenige Seiten von der Kulturseite entfernt vier Schüler vorgestellt werden, die, neben der Schule, besondere Leistungen in Wettbewerben erzielt haben. Dazu zählt auch eine Schülerin, die in einer Ensemblewertung bei „Jugend musiziert“ auf Bundesebene erfolgreich war.

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7 Gedanken zu “Willkommen im Schul-Versuchsland Deutschland!

  1. Es hätte viele Vorteile, wenn die Lehrpläne, Abschlüsse und Leistungen vergleichbar wären.

    Zu einer Einigung aller Bundesländer über einheitliche Lehrpläne und eine einheitliche Abiturprüfung wird es aber nie kommen, weil niemand Einfluss und Macht abgeben will.

    Und wenn es doch soweit käme, dann wäre es wohl auch wieder eine Einigung auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner (d.h. weit unterhalb unseres sächsischen Niveaus).

    Im Thema Bildung stecken viele Interessenkonflikte. Ich sehe es doch bei den Abschlüssen der beruflichen Weiterbildung. Die sind zwar bundeseinheitlich, aber an jedem Rahmenplan und jeder Prüfungsverordnung wird unendlich lange gezerrt, bis jede Interessengruppe dem schlechten Kompromiss zugestimmt hat.

    Trösten wir uns mit dem Spruch: Nicht für die Schule, sondern für das Leben …

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  2. Ich gebe dir ausnahmslos recht. Was allerdings auch beachtet werden sollte, abgesehen vom einheitlichen Abitur sollten die Mittelschulen ebenfalls einheitlich gestaltet werden. Denn auch bei den Themen Haupt- bzw Realschulen wird ständig herumgedoktort. Und das Thema Grundschule bzw. Vorschule sollte dann gleich mit auf den Tisch.
    Was ich damit sagen will ist das es nichts bringt nur an einem Teil des deutschen Bildungssystems zu arbeiten. Wenn sollten wir das Bildungssystem als ganzes wahrnehmen und auch als ganzes reformieren. Es gehört in die Hand des Bundes mit Regeln, Lehrplänen, Prüfungen und Strukturen die für jeden gelten, ob in Hamburg, Jena oder Dresden. Hier sind, auch wenn man es sicher nicht mehr hören kann, Länder wie Schweden, Finnland oder Dänemark bereits Lichtjahre voraus. Und es funktioniert, und nicht erst seit PISA.
    Was ich aber ebenfalls dazu sagen muss, ist das ich den Glauben an solch wichtige, große Reformen verloren habe. Keiner der jetzt im Bundestag vertretenen Parteien wird dies ändern. ganz einfach, weil unser ganzes politisches System was ja den Föderalismus stützt, einfach veraltet ist und als erstes reformiert gehört. Es kann schließlich nicht sein, das wenn die Regierung im Bundestag zwar eine Mehrheit hat aber im Bundesrat nicht, dann quasi für viele wichtige Themen handlungsunfähig ist bzw tricksen muss um es am Bundesrat vorbei zu mogeln. Und dies ist meine Meinung ganz unabhängig ob man nun Schwarz, Gelb, Grün oder Rot bevorzugt. Gewählt ist gewählt, ob es dem Einzelnen passt oder nicht. Das ist eben Demokratie. Wie dem auch sei, bevor solch große Reformen angestoßen werden, bewegen sich die faulen deutschen dann doch zur Revolution. Und selbst das ist unwahrscheinlich.

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  3. ªHasselhoff

    Falls sich die Anmerkung »nicht nur Gymnasium« auch auf meinen Kommentar bezieht: Es war einfach die Schulart, die mir am nächsten lag (mein Kind wartet gerade auf den Brief, in dem steht, auf welchem Gymnasium es bald lernen wird). Es ist natürlich wichtig, das gesamte System von der frühkindlichen Bildung bis zum Schulabschluss zu reformieren.

    Das beginnt natürlich in der KITA. Sachsen hat einen (theoretisch) recht guten Bildungsleitfaden, wenn da nicht die Praxis wäre …

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  4. Liest man den letzten Absatz dieses Eintrags und dazu die Überschrift des Vorherigen, klingt das lustigerweise recht passend. 😉

    Kann dir nur zustimmen und empfinde die Begrenzung der Lehrer-Studiengänge auf nur bestimmte Bundesländer als Zumutung für die Betroffenen. Da ist der Mangel an Lehrkräften vorprogrammiert.

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  5. Ich habe mich aus diesem thema innerlich schon lange ausgeklinkt, ich weiß , das ist feige, aber ich finde es einfach nur nervend. Ich selbst habe noch zu DDR Zeiten das Abitur gemacht, also stellte sich für mich nicht die Frage, allerdings im Jahr 1994 dann schon, da hatten wir nämlich die wahl zwischen bayrischem und baden-würtembergischen 2. JuristischenStaatsexamen, weil die auch in der Republik ganz unterschielich bewertet werden.

    Ist das hirnrissig? Ja, mehr fällt mir dazu einfach nicht ein

    LG Shoushou

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  6. @Stefanolix: „…wird es aber nie kommen, weil niemand Einfluss und Macht abgeben will.“ Das ist es leider. Weil wirklich keiner sachgebunden, sondern lieber persönlich affektiert handeln möchte. Schwierig ist es sicherlich, einen gemeinsamen Nenner bezüglich nes Niveaus zu finden. Allerdings gibt es ja theoretisch bereits eine Vereinbarung die alle Länder auf ein gemeinsames Niveau und verbindliche Grundinhalte der Prüfungen festlegt.
    Trotzdem kann es ja nicht sein, dass Schüler in Sachsen und Bayern (in 12 Jahren, wohlgemerkt) ein schwierigeres Abitur ablegen als in anderen Bundesländern.

    Natürlich ist das genau das Gleiche bei anderen Abschlüssen, seien das nun welche in der Realschule, an Universitäten oder in der beruflichen Weiterbildung. Deutschland, deine Bildungskleinstaaterei! Über Bologna und dessen Folgen möchte ich da lieber erst gar nicht hier anfangen… 😉 (PS: Viel Erefolg deinem Sprössling – aufdass es die favorisierte Bildungseinrichtung wird!)

    @Hasselhoff: Ja, natürlich betrifft das alle Abschlüsse! Ich habe mich jetzt nur konkret auf das Abitur bezogen, weil da eben noch der Wechsel von G8 auf G9 dabei ist und sich so viele darüber aufregen. Aber natürlich muss, wenn überhaupt, das System in Gänze überarbeitet und es darf nicht nur an einzelnen Stellen geflickschustert werden (so wie es momentan nun mal ist).
    Ich bin nicht ganz so fatalstisch eingestellt wie du. Ich glaube zwar nicht, dass sich von jetzt auf gleich etwas ändern wird – aber dass sich daran gar nichts ändert, das glaube ich nicht. Nur leider wird es endlos dauern. Irgendwann wird es aber vermutlich eine Frage der wirtschaftlichen Notwendigkeit sein, viele Dinge zentraler zu regulieren. Und dann wird hoffentlich auch Bildung zwangsläufig keine reine Ländersache mehr sein.

    @Stigandr: Da hast du Recht! Und eine Demotivierung für zukünftige Lehrstoffvermittler ist es gleich mit. Geht gut los, so ein Berufsleben.

    @Shoushou: Ja, hirnrissig ist das! Ich kann gut verstehen, wenn jemand bei diesem Thema resginiert. Leider hat sich zwischen 1994 undheute noch gar nicht so viel geändert. Wird langsam mal Zeit…

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  7. Nur für's Archiv: Es ist das gewünschte Gymnasium 😉

    Jetzt hoffe ich für mein Kind, dass es ab der fünften Klasse richtig gut losgeht. Die Grundschule wird ihm spürbar zu klein. Ich kann ja nicht für ihn lernen, aber ich kann wenigstens den Schulverein unterstützen und die Randbedingungen schaffen.

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