Liebes Alliage Quintett!

Als ich vergangene Woche den Anruf eines Freundes bekam, ob ich mit ihm zu eurem Konzert in der Villa Teresa in Coswig kommen möchte, habe ich mich sehr gefreut. Wie ihr wisst, mag ich euch. Romantische Saxophonmusik – das ist einfach euer Ding. Spätestens mit „A la recherche du rêve perdu“, einer CD mit wunderbaren Adaptionen von Schumann und Mendelssohn, habt ihr das bewiesen. „Una voce poco fa“, eure erste CD, ist sogar mit dem Echo Klassik ausgezeichnet worden. Gut, mit der Stückauswahl auf beiden CDs konnte man vermutlich kaum daneben treffen, was den Geschmack des Publikums angeht, aber die Leute mit Bekanntem „anzufüttern“ ist ja durchaus legitim. Besonders gefallen hat mit „Masquerade“, eure CD aus dem Jahr 2008. Bach ist zwar nicht eure Stärke, diesen Teil der CD hättet ihr also daher (und aus einigen anderen Gründen) getrost weglassen können, aber die eurige Fassung der „Vier Jahreszeiten“ hat durchaus Witz, Charme und Esprit. Zwar greift sie auf altgedientes und jedem bekanntes zurück, verknüpft dies allerdings gelungen mit vielen anderen Elementen und bringt gewisser Maßen „frischen Wind“ in Vivaldis Dauerbrenner.
Ich war also gespannt auf das, was mich da am 19.03. in Coswig erwartete. Ich gebe zu, mich vorher aus den unterschiedlichsten Gründen nicht informiert zu haben, was das Programm angeht, ich habe auch keinerlei Ankündigung eurer brandneu erschienenen CD „Voyage Russe“ gelesen. Umso größer war meine Vorfreude!
Liebes Alliage Quintett: Ich bin ein bisschen ratlos. Das war ich bereits während eures Konzertes, das war ich nach eurem Konzert und bin es jetzt immer noch, nicht zuletzt weil ich nicht weiß, wie ich diese Zeilen, die eigentlich eine „normale“ Konzertrezension werden sollten, formulieren soll. Bitte versteht mich nicht falsch: Dass ihr alle fantastische Instrumentalisten seid, muss ich euch nicht sagen. Die Vita eines Jeden von euch liest sich ausgesprochen gut. Umso höher sind natürlich die Erwartungen!
Was mich sehr beschäftigt: Was ist eigentlich eure Intention? Wer ist euer Publikum? Und wen hättet ihr gern als Publikum? Die Zeit, in der mich schnelle Finger, hohe Töne und Slaptongue beeindruckt haben, sind vorüber. Ich nehme das zur Kenntnis, freue mich darüber, mache aber nicht den Erfolg eines Konzertes daran fest. Warum auch? Ihr seid Profis, ihr müsst das können! In einem Konzert achte ich viel mehr auf die Darbietung, die Programmgestaltung, die Überzeugungskraft und viele andere Punkte. Und bei einem Ensemble wie euch, welches ich schon einige Male live gehört habe, auch auf die Entwicklung. Die zeigt mir hier: Euer Personalkarussell dreht sich offenbar immer noch. Der Posten des Altsaxophonisten erweckt ein bisschen den Eindruck einer Dauervakanz – über die Gründe könnte ich nur spekulieren. Aber Glückwunsch, Frau Barthas, sie geben eine sehr überzeugende Vorstellung und passen gut zum Ensemble!
Eine Entwicklung in ganz anderer Hinsicht war bereits in den vergangenen Jahren abzusehen. In euren Konzerten ist mir immer wieder aufgefallen, wie eigenartig verschoben euer Klang ist. So sopransaxophonlastig. So inhomogen. Auch wenn eure neue Altsaxophonistin sich an vielen Stellen durchzubeißen vermag, bleibt da doch ein Beigeschmack. Ich hatte am Samstag so oft das Gefühl, dass vor mir 5 Musiker stehen, die so eben in einen Wettstreit der Durchsetzungsfähigkeit getreten sind, dass es mir fast unangenehm war. Wie laut. Wie immer gleich! Wie individualistisch. Von einem Ensemble wünsche ich mir eigentlich eher einen Gesamtklang und weniger einen Solisten mit Begleitung, die versucht Schritt zu halten. Eure neue Saxophonistin scheint diesbezüglich ein Glücksgriff zu sein, denn sie hat sich nicht zum Statisten degradieren lassen. Trotzalledem gehen zu viele Feinheiten zu Kosten einer Grundlautstärke drauf. Wo ist das Kontrastreiche hin, was so gut zum Saxophon, diesem romantischen Instrument im besten Sinne, passt? Mir ist das zu viel vibratoreiches Solistentum mit abgefederten Enden, mir ist da zu wenig Mut zu klaren Aussagen. Was sonst das Sahnehäubchen ist wird hier umgekehrt – und von zu viel Sahne schmeckt der versalzene Kuchen eben auch nicht besser.
Auf „Voyage Russe“ beschäftigt ihr euch nun also mit den Highlights russischer Komponisten. „Back to the roots“ könnte man sagen, mit Hinblick auf eure erste CD: Zurück zu Bühnenstücken, zurück zu Bekanntem. Denn wer kennt sie nicht, den Blumenwalzer aus dem Nussknacker, den 2. Walzer aus der Jazz-Suite Nr.2 (die dies übrigens nicht ist! Meines Wissens nach ist er aus der Suite für Varieté-Orchester, die nur fälschlicher Weise lange für die Jazz-Suite Nr.2 gehalten wurde) oder den Säbeltanz als Gajaneh? Natürlich kann man das, wie es in eurem Programm zum samstäglichen Konzert steht, vollmundig „die beliebtesten Juwelen aus der „Belle Epoque Russe““ nennen. Ich persönlich würde vielleicht den Ausdruck „Althergebrachtes“ oder „Evergreens“ dafür wählen. (Natürlich nicht, wenn ich ein Programm zu verkaufen hätte. Das versteht sich von selbst.) Böse Zungen sagen zu so etwas übrigens Fahrstuhlmusik. (Die zunehmende Hinwendung zu Transkriptionen äußerst bekannter Stücke hat im Saxophonbereich auf der professionellen Ebene für meinen Geschmack übrigens zu sehr zugenommen. Was möchte man dem nichtsaxophonkundigen Publikum damit vermitteln? „Seht her, wenn die uns damals gekannt hätten, hätten sie uns auch mit verkomponiert! Wir sind zu Unrecht unbeachtet!“? Aber das nur am Rande.)
Ihr merkt, ich habe ein bisschen Probleme mit eurem Programm. Zum einen betrifft das die Umsetzung: Die Scheherazade hat mir gut gefallen. Wirklich. Sie war nicht nur unterhaltsam, sondern auch sehr gut ausgeführt, facettenreich, maniriert und überzeugend. Die Vorteile und spezifischen Eigenheiten des Saxophons waren gelungen präsentiert, es war einfach eine runde Sache. Andere Teile des Programms waren aber durchaus nicht halb so überzeugend, weit weniger fein musiziert und wirkten etwas lieblos. Und wenn wir gerade von Unterhaltung sprechen: Offensichtlich möchtet ihr also Unterhaltungskonzerte geben. So zumindest sieht es für mich aus, wenn ich auf den Programmzettel schaue. Tanz von diesem, Tanz von jenem, Walzer, Trepak. Da freut sich die Coswiger Omi und einige graue Köpfe wurden sanft im Dreivierteltakt gewiegt. Gegen ein Unterhaltungskonzert ist nichts einzuwenden. Dann muss es aber auch bitte überzeugend sein – nicht nur für Leute, die zum ersten Mal in ihrem Leben gezeigt bekommen, dass man als Saxophonist nicht den lieben langen Tag „Take Five“ spielen muss. Zum Konzept des Unterhaltungskonzertes hat wohl gepasst, das ihr der von euch zusammengestellten „Russischen Ballett-Suite“ mit verschmitztem Lächeln eine Handlung gegeben habt – nur erklärt mir dann bitte eines: Warum Ligeti? Was hat der Ungar György Ligeti, der nun bei Leibe nicht zwischen Ruslan und Ludmilla und den Blumenwalzer passt, in diesem Programm verloren?
Die erste Hälfte eures Konzertes gefiel mir recht gut. Scheherazade, die Ouvertüre zu Ruslan und Ludmilla und die vier „Mitpfeif-Stückchen“ aus dem Nussknacker machten, trotz der oben erwähnten Schwierigkeiten und der Dominanz der Sopranstimme, Freude. Ich war wirklich gespannt, wie der Bogen zu den Sechs Bagatellen von Ligeti, die direkt nach der Pause kamen, geschlagen werden sollte. Und ich konstatiere: Er wurde gar nicht geschlagen. Die kurze Erklärung des Werdegangs dieses Werkes von Klavieretüde zum Bläserquintett bishin zur Absegnung der Bearbeitung für Saxophonquartett durch Ligeti himself hat weder dem Publikum etwas gebracht noch dem Programm. Die Krönung des ganzen war allerdings tatsächlich die rhetorische Frage an das Publikum, warum der Blumenwalzer, der ja eigentlich zur Nussknacker-Auswahl am Beginn des Konzertes gehörte, nach Ligetis Bagatellen folgt. Entschuldigung, aber: Möchtet ihr mich für dumm verkaufen? Ich hatte durchaus das Gefühl nicht die Einzige im Saal gewesen zu sein, die ganz gern „Damit das Publikum, dem ihr offensichtlich nicht viel zutraut, nach all den Dissonanzen wieder beruhigt und seelig vor sich hinlächeln kann!“ laut ausgesprochen hätte. Dieser Ligeti hat weder gepasst noch gefallen. Einigen (vielen) im Publikum hat er nicht gefallen, weil komplett anders als der gefällige Rest des Programmes und durch Dissonanzen und rhythmische Feinheiten absolut neben ihren Hörgewohnheiten liegend – mir hat er nicht gefallen weil es einfach nicht gut gemacht war. Zwar intonatorisch immer 1a (wie ohnehin im ganzen Konzert!), dafür aber rhythmisch ungenau und gänzlich nicht überzeugend von der Interpretation. Es wurde so ein bisschen das Gefühl wach, dass beide Seiten, sowohl Musiker als auch Künstler, nur einen Wunsch hatten: Ligeti hätte nur 4 davon komponieren sollen. Maximal.
Um auf meine Fragen von oben zurück zu kommen: Was ist eure Intention? Möchtet ihr unterhalten? Wenn ja: Seid ihr euch sicher, dass man ein Publikum, dass sich auf die Evergreens seiner Abonementenlaufbahn in Oper und Operette freut, mit etwas vergleichsweise anspruchsvollem wie den Ligeti-Bagatellen unterhalten kann? An wen war dies ein Zugeständnis – an einen Musiker des Ensembles oder an die wenigen Zuschauer, die tatsächlich eine engere Bindung zum Instrument Saxophon hegen? Das führt nahtlos über zu weiteren Fragen: Wer ist euer Publikum – und ist das das Publikum, dass ihr euch wünscht? Selbst im verschlafenen Nest Coswig waren bei vorherigen Konzerten immer mehr Leute, die ein Saxophon mindestens schon mal in der Hand hielten. Am Samstag torpedierte ich nicht nur den Altersdurchschnitt des Publikums – ich hatte vermutlich auch mit meinen im Vergleich zu euch unendlich limitierten Kenntnissen und Fähigkeiten im Bezug zum Saxophon gefühlte 800% mehr Ahnung als die anderen Zuhörer, was bei den letzten Konzerten niemals der Fall war. Unterhaltungskonzerte sind ja völlig in Ordnung. Dann muss man aber auch dieses Konzept „Unterhaltung“ durchziehen und nicht auf Krampf mit pseudo-intellektuellen Anwandlungen latent ausgeprägte andere Facetten demonstrieren. Genau so verhält es sich mit dem Repertoire, wenn es an den Ausdruck geht: Sich auf romantische Werke festzulegen ist gut, ohne Frage, und ihr macht das so überzeugend (sieht man mal von der Balance ab), was die Interpretation angeht. Warum dann Ligeti? Da gibt es genug Ensemble, die die dafür nötige Portion Sachlichkeit, Unaufgeregtheit und Klanghomogenität besitzen (nicht zuletzt das sonic.art Quartett mit seiner Einspielung). Weder Ligeti noch Bach tut es gut, unter einer dicken Vibrato-Schicht begraben zu werden und auch die nötige Schlankheit des Klanges ist jetzt nicht unbedingt eure Stärke. Warum nicht festlegen auf romantisches Repertoire, was zu eurer Art der Interpretation wirklich gut passt? Schon wieder zu wenig Mut zu klaren Aussagen. Stattdessen: Eine Programm-Melange von Bach über Tschaikowsky bis Ligeti. Und als Schmankerl zum Schluss ein genormlautstärktes America aus der West Side Story. Das sind nicht nur „die beliebtesten Juwelen aus der „Belle Epoque Russe“„, das ist der beliebte „bunte Blumenstrauß der schönsten Melodien“, von dem jeder Musikwissenschaftler Bauchschmerzen bekommt und der eher an Volksmusikprogrammkonzeption und Musikvereinssommerkonzert erinnert. Da ist für jeden was zum freuen dabei! Aber muss denn das wirklich sein? Ich weiß selber, dass man dem Publikum auch mal einen Gefallen tun muss. Aber bitte nicht auf Krampf.
Liebes Alliage Quintett, eines möchte ich klarstellen: Sollte der Eindruck erweckt worden sein, ich möge euch nicht, so ist das falsch. Schließlich wäre ich sonst auch nicht zu eurem Konzert gekommen. Ich möchte nur ein bisschen verstehen, das ist alles. Ich komme auch gern wieder zu einem eurer Konzerte. Allerdings werde mich beim nächsten Mal vorher nach dem Programm erkundigen, damit ich nicht ganz so überrascht und ratlos im Saal sitze. Ich bin gespannt, was dann kommt: Ein Programm mit Konzept, Hand und Fuß? Erlebe ich dann ein Ensemble mit Profil? Wir werden sehen!
Es grüßt trotz alledem sehr herzlich
Eure thg.
PS: Diesmal bin ich mit meinen Fragen nicht hinterher zu euch gekommen, ich hatte nicht den Eindruck, dass euch das beim verganenen Male so recht war. Und außerdem habe ich euch, schlicht und ergreifend, euren Feierabend gegönnt.
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2 Gedanken zu “Liebes Alliage Quintett!

  1. Hmmm man kann aber nicht wirklich behauptetn, dass mich dein Post dazu inspirieren könnte, ein Konzert dieser Musiker zu besuchen.

    Es ist allerdings höchst interessant gewesen, eine Rezension aus so beufenem Munde zu lesen.

    LG Shoushou

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  2. Net schlecht Frau Specht!
    Man merkt, dass du echt Ahnung hast in dem Bereich (einem absolut Nichtswissenden wie mir erscheints zumindest so 😉 und ne (so oft und gern gewünschte) „flotte Schreibe“ sowieso, vielleicht könntest du mit solchen Rezensionen auch Geld verdienen – ruhig mal versuchen!
    Zeit scheinst du ja zu haben … (etwas straffen hie und da ist meine Empfehlung, sonst verlierst du unterwegs zu viele Leser)

    Ich wünsch dir weiterhin an- und aufregende Konzerte

    Romy

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