Gestatten: Wir gehören zu den Guten!

Wenn man in ein Sinfoniekonzert geht, bringt man immer einige Erwartungen und ganz bestimmte Hörgewohnheiten mit. Ganz unbewusst, meist, gehört dazu auch, dass Holzbläser irgendwie immer die Guten sind. Es kann noch so brausen und tönen: Sobald die Flöte tiriliert, die Oboe singt und die Klarinette schmeichelt hat der Hörer etwas friedliches, beruhigendes im Ohr, auch wenn im Hintergrund die Blechbläser mit dicken und schweren Moll-Akorden um sich werfen und die Streicher satte Tremoli als Teppich bringen. Holzbläser sind die zarten Seelen des Orchesters, die freundlichen und unschuldigen Stimmen einer jeden Sinfonie, kurzum: Die Guten.
Natürlich ist dies jetzt sehr klischeehaft und platt formuliert, aber letztendlich ist es doch die althergebrachte Hörgewohnheit. Mit diesem Klischee kann man spielen, es nutzen – oder es schlicht und ergreifend einfach nur bemerken. Beleg dafür war auch das gestrige Konzert der Dresdner Philharmonie unter Leonard Slatkin, gemeinsam mit dem Raschèr Saxophonquartett. Auf dem Programm standen Hector Berlioz‘ op. 9, die Charakterouvertüre Römischer Carneval, sowie das  Konzert für Saxophonquartett und Orchester von Rainer Lischka. Den Abschluss bildete Antonín Dvořáks 7. Sinfonie.
Um auf die Holzbläser zurückzukommen: Berlioz‘ Ouvertüre bietet ihnen durchaus genug zu spielen. Da ist am Anfang das wunderschöne, lyrische Englischhorn-Solo, da zwitschern in tänzerischen Passagen die hohen Holzbläser, da juchzt die Klarinette –  an jeder Stelle kommt das Register zum Einsatz. An Spielfreude mangelt es nicht nur den Holzbläsern der Philharmonie nicht.
Noch deutlicher wird es in der Sinfonie: kräftigen, intensiven Streicherpassagen werden immer wieder Holzbläserparts entgegengesetzt, zum Teil als leuchtende Dur-Parts in der in d-Moll stehenden Sinfonie. Weniger als in vorhergehenden, aber dennoch deutlich erinnern gerade diese Teile an Dvořáks folkloristisches Schaffen. Nicht selten bekommt man da gewisse volkstümliche Natur-Assoziationen.
Dazwischen: Lischka. Dazwischen: Die Saxophone. Die Saxophone, das Zwischenglied zwischen Holz- und Blechblasinstrument. Formal ein Holzblasinstrument, bestehend allerdings aus viel Metall und in deutschen Sinfonieorchestern nur selten, und dann meist einzeln, anzutreffen. Hier allerdings gleich zu viert.
Ist es auch bei den meisten Menschen eher als Jazzmusik-Instrument bekannt, hat das Saxophon auch eine ganz schüchterne, liebevolle, ja holzbläserische Seite: Es ist nämlich eigentlich ein höchst klassisches Instrument. Folklore und Völkstümelei liegen ihm zwar völlig fremd, friedlich und beruhigend kann es allerdings auch säuseln, was das Zeug hält. Einen einfachen Beweis dafür liefert z.B. das extra für das Raschèr Saxophonquartett von Rainer Lischka geschriebene „Konzert für Saxophonquartett und Orchester“.
Es ist der Stil des Raschér Saxophonquartetts, die zurückhaltende Seite dieses unterschätzten Instrumentes zu betonen. Mit viel Vibrato und einem satten, runden Quartettklang bleibt es auch in diesem Konzert seiner Linie treu. Natürlich gefällt dies auch den Zuschauern, die mit Klatschen und Trampeln die obligatorische Bach-Zugabe erbetteln und diese sogar mit einem Bravo!-Ruf quittieren. Sauber ist immer alles beim Raschèr-Quartett – und genau das ist es, was ich etwas schade fand. Die zu extreme Holzbläser-Betonung ist mir doch ein wenig zu brav gewesen (und da spreche ich noch gar nicht von der Zugabe, Bachs Contrapunctus IV!). Es wirkt etwas, als würde dieses hochkarätig besetzte Ensemble immer noch gegen den Ruf ankämpfen, das Saxophon wäre in der klassischen Musik fehl am Platze; als würden sie sagen wollen: Wir gehören zu den Guten!
Seinen Teil dazu beigetragen hat dazu vor allem auch der erste Satz des vom Dresdner Komponisten geschaffenen Konzertes: Zwar erinnerte der weniger an Folklore, dafür mehr an Wassermusik. Beruhigend ist das eine, säuselnd und gleichförmig allerdings das andere, vor allem wenn man die deutlich belebteren Orchesterparts gegenüberstellt. Da stellt sich schon die Frage, ob die Zusammenarbeit mit dem Orchester auch von Seiten des Komponisten so gewollt war? Und wenn ja: Wem wurde da nichts zugetraut? Dem Orchester das Leisespielen oder dem Quartett die Durchsetzungsfähigkeit? Ich tippe sehr auf letzteres, was ich zwar verstehen kann, aber enorm schade finde.
Im zweiten Satz hingegen blitzten dann Mal die Möglichkeiten auf: Mit viel Witz und Charme zeigte Lischka den Schalk im Nacken der vier Saxophonisten. Auch wenn diese dabei nicht ersichtlich mehr aus sich herauskamen – gerade die Slap Tongue Stelle barg doch viel Sypmathisches.
Auch der dritte Satz überzeugte durchaus mit einer gelungenen Mischung aus elegischen und bewegten Teilen.
Vor einiger Zeit schrieb ich (wiederholt) über Konzerte des Alliage-Quintetts, welches sich zum großen Teil ebenfalls aus Saxophonen rekrutiert. Mir liegt es an dieser Stelle völlig fern, auch nur den Hauch eines Vergleiches anzustellen. Wenn ich mir allerdings etwas wünschen dürfte, dann wäre es, dass Daniel Gauthier, der überaus laute und dominante Sopransaxophonist des Alliage-Quintetts, sich eine Scheibe vom Raschèr Quartett abschneidet – und umgekehrt. Dem einen stünde Zurückhaltung manchmal ganz gut, bei dem/den Anderen wäre es angebracht, die Handbremse mal zu lösen. Denn: Immer nur lieb und gut sein ist auf Dauer nicht nur anstrengend, sondern auch ein bisschen zu viel. Mit einem kleinen bisschen mehr „Böse“ macht man sich zum Teil viel interessanter…
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5 Gedanken zu “Gestatten: Wir gehören zu den Guten!

  1. So viel nettes über die Oboe.. Herrlich! Ich mag mir das ja auch mal anjhören, aber das Vibrato ist mir oft viel zu viel. Das mag ich nicht so gern. Aber in das Konzert wäre ich mit gekommen, wenn ich gekonnt und gedurft hätte 😉

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