Dessous auf sächsisch

Wer irgendwann mal zu viel Zeit übrig und das dringende Bedürfnis nach Belustigung hat, dem empfehle ich einen Besuch in der Damenunterwäscheabteilung im hiesigen Karstadt. Nicht, dass ich das häufiger tun würde, aber letztens zum Beispiel war ich da erst wieder. Große Auswahl muss man ihnen ja attestieren.
Das entspannte ist ja noch das Aussuchen der Wäschestücke, obwohl ich mir dort manchmal schon beobachtet vorkomme – von älteren Männern zum Beispiel. Pfui, geht zu euren Muttis und sucht mit denen etwas ordentliches aus!
Der eigentlich schwierige Teil begann dann allerdings erst in der Umkleidekabine. Es galt, massive Lachreize möglichst unauffällig unter Kontrolle zu behalten. Wer da den Vorhang aufgerissen hätte, hätte mich nicht nur in Unterwäsche, sondern auch mit grenzdebilem Dauergrinsen und völlig bescheuerten Gesichtsausdrücken betrachten können (und sich eine gefangen, aber das nur am Rande).

Diese Kabinen haben alle einen Knopf, dessen Funktion der „Serviceruf“ ist: betätigt man ihn schellt es im Verkaufsbereich sehr (!) laut und eine eifrige Verkäuferin kommt herbeigeeilt, um Hilfestellung zu geben und zu verhindern, dass die Muttis, weil sie sich nicht extra wieder anziehen wollen, in Unterwäsche rausmüssen, um die nächstgrößere Größe zu holen, weil sie sich verschätzt haben. Die daraus resultierenden Unterhaltungen sind allerdings im kompletten Umkleidebereich mitzuverfolgen.

Ich weiß, dafür kann niemand was und es ist sicherlich auch keine Freude, damit leben zu müssen, aber: Ich kann mir nicht helfen, ich musste schon die ersten Grimassen ziehen, als die Dame in Umkleidekabine 1 der Verkäuferin mitteilte, dass dieses Teil hier „kneipen“ würde und dass sie dringend die nächste Größe bräuchte. Auf die Frage, welche Größe das denn jetzt gewesen wäre, kam die Antwort „85 FF“. Alles klar. für alle, die das mal ausprobieren wollen: Im Obst- und Gemüseladen zwei handelsübliche Melonen kaufen und dann irgendeine belastbare konstruktion basteln, mit der man das Obst vor den Brustkorb schnallen kann. Viel Spaß für den Rest des Tages.

Besonders amüsant fand‘ ich allerdings die Szenen in meiner Nachbarkabine. Darin befanden sich eine Frau, geschätzt fünfzig bis Mitte fünfzig, und der Kopf ihrer Tochter („Nadiiii-än!“), die die Unterwäschemodenschau ihrer Mutter begutachtete und ihr immer mal wieder neue Modelle zuführte. Groß-ar-tig. Frauen mittleren Alters, die lautstark Unterwäsche probieren, sollten irgendwie geschützt werden. Ich hatte ein erstklassiges Unterhaltungsprogramm.

Das begann damit, dass die Mutti erstmal ihre Oberweite kommentieren musste. „Frühor hatt’schn viel schön’rn Busn, Nadi-än. Schön kleen und rund. A’r dann sin‘ du und dei Brudor gegomm’…“ – „Ooooohr, Muddiä, du wärsd oh‘ ohne uns fufftsch gewordn!“ – wo sie Recht hat, hat sie Recht.  
 „Ohr neee, Nadi-än, den Fumml hier, den zieh’sch ni an! Das gannste dir glei‘ an‘ Hut naachln!“ – „Ooohr, Muddie, warum’dn ni? Der siehd dor gudd aus!“ – „Äh, hier, solsches neumod’sches Zeuchs… das gannst du für dein‘ Ronny traachn, isch zieh‘ dor kee pink an!“ Vielen Dank für die Information. Die Vorstellung einer Mittfünzigerin in pinker Unterwäsche gehört nicht gerade zu dem, was mich nachts ruhig schlafen lässt.  
„Was issn mid dem hior, Muddiä? Der siehd dor gudd aus! Un‘ der gefälld oh’dn Babba!“ – „Ähneee, meenste?“ – „Nor nu glar!“ – „Nu da gibbäma här… muss’sch mich haldäma neinwärschn. Neee. Gugg dir das dorma an. das siehdor ni aus! Das quetschdor hier raus… holä mir dän ämal in der näschsdn Größe.“ Darauf zog „Nadi-än“ los, um die nächstgrößere Größe zu holen, während die „Muddi-ä“ in der Kabine noch ein wenig darüber schimpfte, dass sie früher 85 B und jetzt 80 C hätte. Sowas ärgerliches aber auch. Hat die komplette Umkleidenkabinenreihe sicherlich brennend interessiert.
Nach „Nadi-än“s Rückkehr zwängte sich die „Muddi-ä“ nun also in das mitgebrachte Teil, um es ebenfalls für unwürdig zu befinden: „Äh nee, gugge dir das dor ma an, Nadi-än! Da sehn meine Brüsde dor aus wie zwee Fladn!“ – Heißen Dank. Ich bin unglücklicher Weise mit einer lebhaften Vorstellungsgabe gesegnet… Diese Zwei „Fladen“ wollte ich mir ehrlich gesagt gar nicht vorstellen. Immerhin, etwas gutes hatte wohl das von „Nadi-än“ angeschleppte Ensemble: „Hior, den Schlübbor, den nehm’sch ar mid!“ – „Muddie, willste nichäma hier die Hotpants probiern?“ – „Äh, gehmor ab mit dem Zeuchs, ich nehm hier den Schlübbor un‘ gudd is. Un keen Schtring (!!!) odor sonstäwas.“ Zu diesem Zeitpunkt rang‘ ich bereits mit meiner innerlichen Fassung.
Es folgten dann noch weitere Debatten um „Pusch-abbs“ („Muddi-ä, das is kee Pusch-abb, das is nur eenor mit Schaaln! Da gannsde oh’ma ä Dischörd drüborziehn ohne dassmor glei siehd, wennde friorst!“) und zahllose weitere Unterwäschestücke, bis man letztendlich doch noch etwas fand, was gefiel und passte. Nachteil: Das gute Stück war wohl zu eng und ließ sich auch nicht in einer noch weiteren Ausführung finden, woraufhin dann der Servicerufknopf zum Einsatz kam: Man fragte nach Einsatzstücken für BH-Verschlüsse, mit denen man die Unterwäsche hinten am Rücken weiter machen könnte. Wurde alles besorgt, die „Muddi-ä“ war tief beeindruckt von den Kenntnissen ihrer nunmehr gnadenlos genervten „Nadi-än“ und setzte gleich noch eins drauf: „Nu, das midän Einsätzn, das wär dor oh’was für de Oma, hä? Da gömmor der dor oh’glei noch ne neu’n Kließlraffor mitbring.“ Das war dann der Augenblick, in dem ich sehr froh war, dass in meiner Umkleidekabine ein Hocker stand. Ich verspürte auf einmal das dringende Bedürfnis, mich hinzusetzen, um irgendwie wieder zur Ruhe zu kommen. Das Wort „Kließlraffer“ (übersetzt heißt das ungefähr „Klößeraffer“ und kommt,glaube ich, eher aus Richtung Lausitz/Schlesien, zumindest hab ich es bisher nur von meinem Vater im Spaß gehört) hatte nun wirklich noch gefehlt. Ich rang mit meiner Fassung. „Nadi-än“ allerdings auch, als die „Muddi-a“ ihr vorschlug, sie könne doch mal etwas für die Oma raussuchen „un’ooh probiern un’das nähmor dann’dor oma mid. Ihr habtor de gleiche Größe ungefähr… hä… was wirdn das sein… enne fü’mzibdsch A, hä?“ „Nadi-än“ war beleidigt, tobte davon, ihre „Muddi-ä“, die das natürlich gar nicht verstehen konnte, raffte die diversen Sachen zusammen und tobte hinterher. Was für ein modernes Drama.

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20 Gedanken zu “Dessous auf sächsisch

  1. *pruuuuust* *gröhl* *röchel*

    Mein Gott, sich seh nix mehr…

    Schon lang nicht mehr so gelacht – Danke dafür!

    Aber einen kleinen Einspruch muss ich einlegen: Ich hab – obwohl schon Mitte fünfzig – Dessous in allen möglichen Farben und Farbkombinationen und fühl mich damit eigentlich nicht daneben… *g*

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  2. @Mem: ja, das dachte ich auch 😉

    @sefarina: einatmen – ausatmen… 😀

    @pottkieker: nee, war offen. aber ich dachte nicht, dass ihr eine extraführung durch die damenunterwäscheabteilung im karstadt braucht… 😛

    @shoushou: da mussde dor garni beleidschd sein! isch räde dor sälbor gerne off säggssch, ählich! 'sch gomm do ooch ausm scheen' saggsn… das is kee drieborheerziehn! das sin eindachäma siduazion', die 'äs läähm schreibt…

    @finchen: bei euch im karstadt wird sächsisch gesprochen? *g*

    @michaela: du hast aber DIE „muddi-ä“ nicht gesehen… 😉 glaub mir, die war ein highlight!

    @coco: man muss halt nur hinhören 😉

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  3. @paul: danke 🙂 normaler weise bemühe ich mich… kannst ja mal den pottkieker und das finchen fragen. aar wennsch will, gannsch das ooch.. is gar kee probleem ni! 😀

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  4. „Unsere deutschen Dramatiker“? Ham die Sachsen andere als die Berliner? Aber diese Szene, hinreißend. Und die 19jährige unter 75A-Verdacht, das hätt ich mir dan auch angesehen. Aus Schadenfreude. Sehr schön.

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  5. @kunstfehler: danke, danke! 🙂

    @jvl: nein, das sind einheitsdramatiker. ich denke, die kann man alle über einen sprachherkunftskamm scheren. wobei: schiller hat geschwäbelt. egal, luther dafür gesächselt. (jaaa, ich weiß, der war kein dramatiker… obwohl… na, lassen wir das, das führt hier zu weit.) ach, und: danke übrigens! das war auch wirklich sehr, sehr sehenswert.

    @stigandr: ahr ehrlsch ma! das siedor ni aus! 😀

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