Akustikterror

Na? Auch schon wieder „Last Christmas“ satt? Zu viel „Stille Nacht“ gehört, obwohl die „Stille Nacht“ noch nicht mal war (eine Unsitte übrigens, „Stille Nacht“ so inflationär vor dem Heiligabend zu spielen!)? Naablt das Raachermannl schon wieder gewaltig und die tausend Sterne eines beliebigen Knabenchores sind schon zum tausendersten Mal in diesem Jahr ein Dom?

Alle Jahre wieder das gleiche Problem… Weihnachtsmusik. In den Läden sitzen die Musikverantwortlichen schon in den Startlöchern, und freuen sich wie Bolle auf die erste Ladenöffnung nach dem Ewigkeitssonntag. Punkt sieben werden da die Weihnachts-CDs in’s Abspielgerät geschoben. Man kann sich regelrecht vorstellen, in welchem geradezu rituellen Akt dies, unter Händereiben und mit Dollarzeichen in den Augen, geschieht.

Weihnachtsmusik ist konsumfördernd! Sie signalisiert den Leuten das gleiche wie der Engel damals den Hirten auf dem Feld: Eilet! Allerdings in diesem Falle nicht zu einer Krippe, sondern zur Kasse. Und da gibt’s auch kein Kind zu sehen, sondern maximal ein paar Rabatt-Schilder. In Zeiten des Konsums ist es ja aber scheinbar egal, wen oder was man anbetet.

Angenommen ich stehe kochend in der Küche. Küche daher, weil ich außer in diesem Raum sonst kaum Radio höre. Ich stehe nun also, backblechbelagert und mehlbestäubt, in der Küche und lasse mich berieseln. Wenn da „Last Christmas“ kommt – ich schalte weg. Ehrlich. Ich kann’s nicht mehr hören. Egal, wie weihnachtlich mein Radio tut, es hat gefälligst neutral zu bleiben. Sonst wird es abgedreht, unweigerlich.

Im Kaufhaus ist das schwierig. Ich kann schlecht alle mir begegnenden Lautsprecher zertreten. Leider weiß ich auch nicht, wo der zentrale Schaltknopf ist, um dem permanenten „Ihr Kinderlein, kommet“ Einhalt zu gebieten. Auf einen Weihnachtsmarkt zu gehen kann ebenfalls schier an akustischen Selbstmord und Ohropax denken lassen, sollte die Musik dort aus dem üblichen Uta Bresan-Weihnachtscollection-Gedudel bestehen. Auch beliebt: Schlechte „Ave Maria“-Interpretationen. Und mit einem Male erklärt sich einem der reißende Absatz von Glühwein auch in Zeiten globaler Erderwärmung und fehlender Kälte.

Man kann mit Weihnachtsmusik eigentlich kaum etwas richtig machen. Wie deprimierend in einer Zeit, in der sich so viel um Stimmung dreht. Erstaunlich ist ja: Jeder hasst Wham und keiner würde zugeben, das freiwillig zu hören. Reißenden Absatz hat „Last Christmas“ trotzdem. Ich ziehe da gewisse Parallelen zu Big Brother.

Ich erwarte in Einkaufszentren ja auch keine Stille, Avantgarde- oder weihnachtsfremde Musik, und ich gebe zu: Müsste ich mir während des Schuhekaufens das Bach’sche Weihnachtsoratorium anhören, würde ich auch „Frevel!“ und „Blasphemie!“ schreien. Wegen kann also wirklich gern auch zum xten Male „Let it Snow“ abgespielt werden (auch wenn mir die armen Mitarbeiter wirklich Leid tun!) – aber wenn die Lautstärke etwas heruntergeregelt werden würde, wäre ich schon vollauf zufrieden. Denn das eigentlich üble ist ja meist der Lärmpegel: Hey, der Lautstärkeregler ist noch nicht auf Anschlag, da geht noch was! Also wird einem in der Lautstärkekategorie „Startender Militärjet“ zum achtzigsten Mal „Weihnachten in Familie“ um die Ohren gehauen und man erfährt, dass bei Schöbels seit Jahren in der so genannten besinnlichen Zeit Streit dadurch entsteht, dass man eine „Witzfigur“ im Wohnzimmer aufstellt. Das war schon 1994 nicht lustig, warum sollte es das heute sein?

Es nützt nichts. Das Kartell der Weihnachtsmusikbestimmenden Kaufhausmusikverantwortlichen ist zu mächtig. Am ehesten könnte noch Homeshopping helfen – oder eben einfach das, was man in den letzten Jahren auch gemacht hat: Ohren zu und durch. Und dann schnell auf den Weihnachtsmarkt einen Glühwein kaufen gehen.

Daheim kann ja dann jeder hören, was er mag. Bei uns geht es familiär traditionell mit Chormusik und, ja, ich scheue mich nicht, das zu sagen, Erzgebirge-Kram, zu; bei mir persönlich läuft gerade „Heaven“ von Christof Lauer, zusammen mit Norwegian Brass, Sondre Bratland und Rebekka Bakken – eine äußerst abwechslungsreiche CD, die Jazz und traditionelle Klänge homogen miteinander mischt. Ungewöhnliche Harmonien und überraschende Arrangements bekannter und unbekannter Weihnachtslieder machen einfach Spaß, ebenso wie die Kombination aus traditionellem Blechbläserensemble und vielseitigem Saxophon. Hinzu kommen noch die wunderbaren Stimmen der beiden Solisten, die die Stücke, auf norwegisch gesungen, die die Stücke noch abrunden.
Ebenfalls empfehlen kann ich die sehr vielseitige CD „Christmas with my friends“ des sonst eher sich im Funk-Bereich bewegenden Posaunisten Nils Landgren. Auch er hat sich mit Viktoria Tolstoi, Bugge Wesseltoft und vielen anderen tatkräftige und prominente Verstärkung geholt.
Reinhören kann man in beide CDs nach einem kleinen Klick auf den Link. Wer jetzt noch bei Amazon bestellt, dürfte sich dann Weihnachten daran erfreuen können!

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11 Gedanken zu “Akustikterror

  1. Also bei „Last Christmas“ schalt ich auch weg, aber ansonsten hab ich mir das noch nicht „überhört“, ich komme praktisch aus meiner Bürozelle nicht raus und erst recht nicht in Kaufhäuser. Bleib cool, sind ja nur noch 5 Tage

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  2. @glücksritter: da hast du recht!

    @shoushouswelt: ach, keine sorge. ich bin cool. wenn's zu sehr nervt mach ich einfach meine eigene musik an und kopfhörer rein 😉

    @lily: aaaah, schön! 🙂 dan wär' die andere sicherlich auch was für dich! ich hab die christmas with my friends dieses jahr erst von einem freund empfohlen bekommen und fand' sie ziemlich cool.

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  3. Ich verstehe generell nicht, warum denn überall und andauernd Musik gespielt werden muss. Nicht nur im speziellen Fall der Weihnachtsmusik.

    Soll das wirklich beruhigend und verkaufsfördernd wirken?

    Das kann ich mir gar nicht vorstellen…

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  4. Ich hab ja auch so meine Weihnachtsmusiken.. Da gehört das, was du aufführst nicht dazu 😉 Götz Alsmann und die WDR Big Band haben eine schöne Scheibe gemacht. Nur noch einmal schlafen im Übrigen 😉

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