091189

Als ich 2004 erfuhr, dass unser Orchester 2005 eine Chinareise unternehmen wird, rief ich sofort meine Eltern an. Die waren völlig aus dem Häuschen und freuten sich mit mir – und ihr erster Kommentar, als ich sie zu einem solchen kommen ließ, war: „In deinem Alter… wie hätten wir uns das damals gewünscht, aber das war undenkbar!“ Dieser Satz war mir durchaus nicht neu, ich habe ihn auf so vielen Reisen vorher bereits gehört.

Ich bin froh darüber in einem Land leben zu können, welches ich jeder Zeit verlassen kann. Dass mir Grundrechte sichert, in dem ich meinem Nachbarn über den Weg trauen kann, in welchem demokratische Entscheidungen getroffen werden und welches mich nicht an jeder Ecke einschränkt. Dass dies nicht selbstverständlich ist, hat uns die jüngste Geschichte gelehrt. Wenn ich mitbekomme, was meine Eltern erzählen, bin ich froh über einfache Dinge:

Ich darf studieren.
Ich darf sogar bestimmen, was ich studieren will.
Ich darf Reisen.
Ich darf meine künstlerische Ader ausleben, wie ich will.
Ich darf meine Meinung frei äußern.
Ich muss mich beim Schreiben von Artikeln nicht an inhaltliche, zwingende Vorgaben halten.
Ich darf glauben, woran ich will, ohne Repressalien befürchten zu müssen.
Ich kann wirklich wählen.
Ich bekomme überall „Südfrüchte“!
Ich muss mich nicht verbiegen.
Ich muss keiner staatlichen Jugendorganisation angehören.
Ich muss mich auf der Suche nach wirklichen Nachrichten nicht in halbillegales Gebiet begeben.

Zu dieser Liste würde mir noch so viel einfallen… kurzum: Ich bin froh, dass ich in einer Generation aufgewachsen bin, die Deutschland nunmal als Gesamtheit und nicht als Summe zweier Teile betrachtet. Auch wenn ich, rückblickend, gern mehr Erinnerungen an die Zeit davor hätte (wofür ich damals schlicht und ergreifend noch zu klein war, die wenigen Erinnerungen an diese Zeit sind winzig und rein persönlich). Das aber vor allem, um den Vergleich noch besser zu haben.

Heute Morgen las ich in der Zeitung, dass sich sowohl in den alten, als auch in den neuen Bundesländern bei einer Umfrage ca. 12% der Befragten kein Problem damit hätten, wenn die Mauer wieder stehen würde. Allen, die dann auf „meiner“ Mauerseite sein würden, sollten sich noch mal die Gründe ins Gedächtnis rufen, über die sie früher jeden Tag geklagt haben. Allen auf der „anderen Seite“ kann ich einfach nichts außer leeren Blicken entgegenbringen.

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7 Gedanken zu “091189

  1. Schön, wenn man sich so ein fundamentales Glück immer mal wieder in Erinnerung ruft, bevor man sich ständig über belanglose Problemchen aufregt, die unser „ach so schlimmes Leben“ so schwierig gestalten.

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  2. Ich finds auch sehr schön, dass wir „Deutschland – einig Vaterland“ sind.

    Nur die ewiggestrigen – alte Seilschaften, denen es damals besser ging, weil sie auf Kosten anderer gelebt haben, egal ob hier oder dort – können sich für so eine Abartigkeit aussprechen. Da sich aber alles verändert hat, ist dieses frühere Leben hinter der Mauer, das sich manche zurücksehnen, ganz anders als in ihren Wünschen und Vorstellungen. Wer Demokratie und Freiheit liebt, lässt sich nicht mehr unterdrücken und einsperren – Gott sei Dank!

    Der Mauerfall ist für mich auch so ein Ereignis in der Geschichte, von dem ich immer noch minutiös genau weiß, was ich getan habe, als ich es erfahren hab – vor allen Dingen ununterbrochen geheult, vor Rührung und Freude…

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