Hungern für die Literatur

Mist. Bin doch nicht mehr wirklich zum Bloggen gekommen. Bitte hiermit offiziell um Vergebung. Hab zu viel zu tun grad und bin leider in einem über 900 Seiten starken Paralelluniversum gefangen. In einem Turm, um genauer zu sein. (Gut, ich geb’s zu, der war ziemlich schlecht…) Egal: Geht und kauft euch Uwe Tellkamps „Der Turm“, so ihr das nicht schon vor einiger Zeit getan habt. Ich verbringe jede freie Minute mit diesem Buch, es wird mich unter Garantie in kurzer Zeit noch um den Verstand bringen, so gut ist es. Ich will eigentlich gar nicht, dass es aufhört, ich will ewig darin weiterlesen können. Schon der Inhalt, die Handlung sind mitreißend, aber allein für den Tellkampschen Schreibstil hat der gute Mann der Frankfurter Buchpreis im letzten Jahr völlig zu Recht bekommen! Da passiert’s mir schon das eine oder andere Mal, dass ich ausversehen ’ne Haltestelle zu weit fahre, weil ich so versunken bin (erinnert mich das hier!).

Außerdem hilft mir das Buch beim Kontakte knüpfen. Nicht, dass ich das nötig hätte oder wöllte, aber ich komm wohl nicht umhin. Zum Beispiel mein ziemlich kauziger Chirurg (Ja, der Daumen ist immernoch hin, zwei Mal die Woche Physiotherapie und einmal drei Stunden Wartezimmer (das nächste Mal mach‘ ich mir ne tiefe Fleischwunde dazu, dann müssen sie mich eher drannehmen, bevor ich verblute! Ha!), mürrische Schwestern und ne Spritze, juhu; dazu Haftverbände in mittlerweile mehr als zwei Farben, ich bin begeistert über grün, rot, blau, gelb und lila; ja, sogar lila! aber schön alles auf eigene Kosten oder mit Selbstbeteiligung, Gesundheit ist schließlich ein Luxusgut, wie ich immer wieder lernen darf): Bei dem war ich unlängst die letzte Patientin vor der Mittagspause. Das heißt bestellt war ich 10 Uhr, dran kam ich 13.30 Uhr, wie’s nunmal so ist. Und als ich so mit knurrendem Magen und hastig zusammengeklapptem Buch das Behandlungszimmer betrete, erkannte er das Schriftstück natürlich auf den ersten Blick und drückte seine Begeisterung aus. Von wegen junges Ding und dann sowas lesen (er fragte mich übrigens vor gut 6 Wochen, als ich zu ihm kam, ob mir das in der Schule beim Sportunterricht passiert wäre. Sein Entsetzen über meine Aussage, dass ich schon länger nicht mehr im Sportunterricht war, wurde nur noch getoppt von der Fassungslosigkeit meiner Bemerkung, dass ich auch schon länger keine Schule mehr von innen gesehen habe. Dann rauschte er ab. Zwei Stunden später, im Behandlungsraum, entschuldigte er sich bei mir – er hatte mich für 16 gehalten. Dank.), dazu noch musisch interessiert (sowieso sein Mitleid für mich und meine abartige Verletzung, „Sie machen sich ja ihre ganze Zukunft kaputt mit ihrem hässlichen Gewebe da!“), und dann noch sowas lesen, wie begeistert er wäre.
Und dann gings ab. Nicht genug, dass ich über 3 Stunden in diesem Wartezimmer festsaß, nein, ich war auch noch seinen Ausführungen über seine DDR-Vergangenheit eine halbe Stunde lang wehrlos ausgeliefert. PLUS Verschwörungstheorien! Jaaaahaaaaaaa… Im Bundestag werden nämlich die ganzen, im 2. Weltkrieg verlorengegangenen Kunstschätze gehortet. Nur, dass ihr’s wisst. Diese Gauner. Und auf hoher See hat die DDR Waffen an die BRD verkauft, mit denen man die DDR hätte ausradieren können. Und die Linke hat heute noch Schwarzgeldkonten in der Schweiz, alles altes SED-Geld, und davon kaufen sie sich Spitzel und Leute und Häuser und Reichtümer, Wasser predigen und im Wein ersaufen. Und des-halb (mit drei Ausrufezeichen!!!) geht er auch nicht mehr zu Wahl, sind ja eh alles nur Gauner und Verbrecher, die bekommen meine Stimme nicht, sagt er! Sollen die mal gucken, was sie ohne meine Stimme machen!

Tja. An sowas ist der Herr Tellkamp also auch Schuld. Ich komme permanent nicht zum Essen – entweder weil ich lesen muss, oder weil mich auf Grund seines Buches jemand davon abhält. Wegen Herrn Tellkamp werde ich noch abnehmen… ich setz‘ schon mal ein Dankesschreiben auf.

Die Krönung der ärztlichen Hungerkatastrophe setzte sich übrigens im Wartezimmer, als ich schon hastig nach meiner Jacke griff und endlich den Ort des Grauens hinter mir lassen wollte, fort: Der Herr Doktor („Aber ich habe nach meiner Ausbildung in der Produktion gearbeitet, vier Jahre lang, und dann nebenher das Studium, aber da waren meine Noten so gut, dass sie mir nichts konnten, und außerdem habe ich ja 4 Jahre in der Produktion gearbeitet nach meiner Ausbildung!“) kam nochmal auf mich und das Thema zurück, von wegen Christen und Schwierigkeiten in der DDR undsoweiter (trage niemals eine Kette mit Kreuz, und sei es ein noch so kleines, solltest du zu einem Arzt gehen – er wird Rechenschaft von dir über deinen Glauben fordern… glaubt mir.) und ich würde doch auch, und so, und er gäbe mir hier mal was mit, das soll ich mir mal durchlesen, er bekommt das immer geschickt, mal über den eigenen religiösen Tellerrand hinausblicken, sehr interessant.
Es war eine Broschüre über verfolgte Christen. So ernst dieses Thema auch sein mag – wenn es so fundamentalistisch und mit derartig vielen Bibelworten behandelt wird, beängstigt mich das etwas. ich war kurz davor, mein eigenes Bildchen hinten reinzukleben. Fühle mich auch langsam wie ein verfolgter Christ – von meinem Chirurgen verfolgt. Ich hab’s gelassen. Bin ja eine „vernünftige junge Frau“, wie er mir attestierte. Ich hab die Broschüre beim letzten Termin zurückgegeben und weiter magenknurrend im „Turm“ gelesen. Ist nervenschonender und figurfördernder.

PS: Verzeihung. Komme über’s Wochenende schon wieder zu nichts, da ich nach Hannover fahre. Wird sicherlich unspektakulär, weil nur eine Besprechung mit  viel am-Tisch-sitzen und hoffentlich genau so vielen Ergebnissen. Wenn ich Glück hab, kann ich Zeit abzwacken und das Finchen sehen, juhu! Drückt die Daumen, ihr, die ihr noch zwei davon habt!

PPS: Hatte heute einen netten Tee zum Abend. Schön, dass sich manches doch noch entwickelt.

PPPS: Habe Hunger. Wie’s nur kommt.

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9 Gedanken zu “Hungern für die Literatur

  1. 900 Seiten? Das ist ja denn schon mal schwere Kost;) Gute Besserung auf jeden Fall! Schönes WE wünsch ich dir 😉 Und, sollte dir dein Chirurg verraten wo das Bernsteinzimmer ist: Sags mir, und wir werden beide reich 🙂

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  2. Puuhhh! Ich werde hier schon atemlos beim lesen – wie gings die erst beim zuhören?!?

    Hätte nicht mal dein laut knurrender Magen ihn unterbrechen können?

    Andererseits – bei so viel konspirativen Verschwörungstheorien würde mir eh schlecht werden. Kein Hunger mehr…

    Schönes, genussvolles und sattes WE! 😀

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  3. @fiddlesue: keine angst – damit von mir nichts mehr übrig bliebe, müsste der turm 30.000 seiten haben… 😉

    @pottkieker: ich werd' morgen mal nachfragen!

    @michaela: danke – ich habe viel gegessen am wochenende 😀

    @hasselhoff: dr. spremberg 😀

    @mary: danke, ich hab mich köstlich amüsiert! 😀

    @konrad: gerne doch!

    @cara: da freu ich mich! herzlich willkommen! 🙂

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