Erkenntnis Nr. 16: Was wäre, wenn…?

Da steht er nun, den Rücken zu ihr, während sie im Gehen noch einmal den Blick nach hinten wendet. Völlig romantisch verkitscht stellt sie sich vor, wie ihr Kopf sich im selben Augenblick wieder nach vorn dreht, in dem sich Seiner in ihre Richtung bewegt und sie fort gehen sieht, wie in seinem Blick die Wehmut schwingt und in beiden Herzen ein Stachel heftig zusticht.

Übermorgen wird sie ihn vielleicht vergessen haben, spätestens in drei Wochen.

So ist das nun mal. Man trifft sich, man vergisst sich. Aber das, was bleibt, ist dieses „Was wäre wenn?“-Gefühl bei so einigen Menschen, die man trifft. Vermutlich würden nicht mal die Hälfte aller dieser Was-Wäre-Wenn-Beziehungen, so sie entstehen würden, gutgehen, aber diese unausgesprochenen Wörter werden einem noch ewig hinterherhängen, man träumt von einer verpassten glücklichen Zukunft und sieht vor dem inneren, rosarot gefärbten Auge schon ein Bild mit Haus und Kindern sich langsam zersetzen. Was für ein eigenartiges Phänomen. Warum scheint man sich auch regelrecht Menschen zu suchen, die man nicht wiedersehen wird? Die übermorgen ihren Job in einem sehr weit entlegenen Land antreten? Die in wenigen Tagen heiraten werden oder denen anderweitige tiefgreifende Lebensumstellungen bevorstehen? Ist es vielleicht sogar so, dass diese Menschen erst dadurch für uns interessant werden?

Es sind wohl die nichtalltäglichen Situationen, die das Hirn vernebeln und einem vorgaukeln, dass im nächsten Augenblick sicherlich die Welt untergehen wird, weil man eine Person, die man vorher kaum kannte aber die man in diesem Augenblick für unverzichtbar hält, nicht wiedersehen wird. Dann hüpft das Herz, halluzinieren die Sinne und der Körper sendet das Signal: Zugriff! Macht man aber nicht. Stattdessen schaut man zu, wie der andere ins Auto steigt, sieht sich gegenseitig mit einem sterbender-Bernhardiner-Blick an und denkt kurz an Rosamunde Pilcher-Filme, die alle bescheuert sind, weil sie im Happy End münden. Dabei ist das echte Leben eher eine Mischung aus Satire und Katastrophenfilm und in einem solchen Augenblick für die betreffenden Personen ganz sicher ohne Happy End, weil die große Liebe gerade ins Flugzeug nach Argentinien steigt, um dort übermorgen die reiche, bereits vor 3 Jahren vorausgeeilte, schwangere Finanzinvestorin und Langzeitfreundin zu heiraten, obwohl er doch zu einem viel besser passt, verdammt! Und dann geht man heim und heult sein Kissen voll.

Vier Wochen später kommt Ruhe in die Sache, man denkt nochmal drüber nach und beschließt, Kontakt aufzunehmen. Was anfänglich Selbstgeißelung mit Fragen „Wie war die Hochzeit?“ ist, mündet letztendlich in der Frage an sich selber: „Was fand‘ ich eigentlich an dem?“. Geschieht ihr recht, dieser Finanztussi, dass sie den jetzt an der Backe hat.

Gefeit ist man davor nie – ständig passieren solche Geschichten. Vielleicht sollte man lediglich daraus lernen, dass man den Kontakt danach nicht suchen sollte. Lieber ein bisschen Rosamunde-Pilcher-Kopfkino veranstalten und vergessen üben.

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7 Gedanken zu “Erkenntnis Nr. 16: Was wäre, wenn…?

  1. Geht auch ohne Argentinien…da reicht doch der Status „vergeben“. Sollte man auch nichts weiter in die Richtung unternehmen…selbst, wenn er oder sie kein Idiot ist, den der andere an der Backe hat. Vergeben ist vergeben.

    Geht mir zumindest irgendwie immer wieder so…hmpf.

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  2. Es ist lustig. Ich fühle mich gerade mehr als angesprochen. Und du hast Recht, man sollte sich lieber im Kopfkino üben, anstatt diese selbstzerstörerischen Tendenzen zuzulassen. Problem dabei: diese Nachricht kommt meist leider erst Monate später beim Herzen an. Bis dahin bleiben wahrscheinlich nur tiefe Seufzer, der Bernhardinerblick fürs eigene Spiegelbild, Selbstmitleid und das leidige Warten. Und natürlich das konstante Durchkauen der „Was wäre wenn…“-Frage. Unausgesprochene Worte, unausgesprochene Gedanken, im Hinterkopf noch die Erinnerungen an die-und-die-Begebenheit; aber das schlimmste an all dem: man dachte, man hat schon von dem „Was wäre wenn…“ Erlebnis von vor einem Jahr gelernt, nur wirft es umso mehr aus der Bahn, ohne eigenes großartiges Zutun jemanden zu treffen, der sich wie das anfühlt, wonach man seit Jahren sucht: zu Hause.

    Zeit und Entfernung werden allgemein überbewertet, aus irgendeinem Grund springen mir mittlerweile viele „es kann eben doch funktionieren!!!“ (mit drei Ausrufezeichen!!!) Geschichten, die so herzzerreißend sind, dass man sich dieses Happy End ganz ohne Rosamunde Pilcher oder Sat1-Liebesfilm-Schnulz ganz egoistisch für sich selbst wünscht. Und bis man eine Antwort auf doch ausgesprochenes oder geschriebenes erhält, wabert diese dumme Sache namens Hoffnung noch im Hinterkopf. Warum? Teils, weil man sieht, was man sehen möchte, teils, weil das Herz es nicht besser weiß.
    Ist doch Mist, diese Sache mit der Liebe.

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  3. Wenn das schlimmste Hadern, der stärkste Schmerz und die größte Verzweiflung abgeklungen ist, bleibt immer die Ecke, in die man sich mental zurückziehen kann, in der man sich das Leben zurechtbiegen und die Wünsche wirklich werden können. Wehmut und eine kleine Träne im Augenwinkel begleiten diese Ausflüge. Und wenn man wieder zurückkommt, merkt man, dass das reale Leben auch viele Schönheiten und Überraschungen bereit hält.

    Kopf hoch! Verklärung oder Ernüchterung folgen – aber es wird besser!

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  4. @gerhard: du hast vollkommen recht. auch wenn das einige nicht so sehen – ist für mich auch ein grund, aufzugeben. auch wenns doof ist. sehr doof.

    @anke: ich weiß, diese drei-ausrufezeichen-beispiele gibts immer wieder. aber mal ehrlich: viel häufiger gibts doch die beispiele, in denen es nicht gut geht. die fallen einem nur nicht so auf, man möchte ja regelrecht nach beispielen suchen, in denen es gut geht. und diese blöde hoffnung, klar ist die immer da.
    ich schrieb meinen beitrag nicht bezogen auf dich, nicht, dass du das jetzt denkst! und es gibt diese fälle, in denen da nicht einfach so ein kurzes, situationsbezogenes verknalltsein ist, sondern irgendwie tiefere gefühle einem die sinne vernebeln. in solchen fällen ist das sicherlich noch etwas anderes. dass das aber auch nicht gutgehen muss, muss ich nicht erwähnen. für sowas bin ich ja ein beispiel 😉 aber mein beitrag bezog sich eher auf kurze situationen, in denen man sich kennenlernt, irgendwas einbildet und der größte teil der begegnung hinterher in der eigenen phantasie stattfindet.
    selbstmitleid ist ok – so lange es im kämmerchen bleibt und nach einer gewissne zeit abgefrühstückt ist, denke ich.

    @pottkieker: danke dir! 🙂

    @michaela: das hast du sehr schön geschrieben! so ist es ja auch. das private hinterstübchen in der phantasie ist für momente immer ein legitimer rückzugsort, so lang man wieder daraus zurückkommt. übrigens: ich bin keineswegs irgendwie grad niedergeschlagen und so, das ist mir eher gerade nur im kopf rumgegangen, das thema. 😉

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  5. Da hast du wohl auch wieder mehr als Recht. Mir ist klar, dass du mich nicht explizit gemeint hast 😉 Nur habe ich mich in dem Post mehr als nur wiedergefunden 🙂 (oder sollte man da sagen leider?).

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