Selbstkasteiung

Seit einer Stunde starrt sie auf das Bild, zu nichts anderem fähig. Da muss sich doch mal etwas regen, etwas bewegen, etwas ändern. Da muss doch endlich mal etwas aufhören. Da muss doch endlich der Funke erlischen, das Gefühl wechseln, die Erkenntnis aufblitzen, das Verlangen sterben, die Vernunft siegen, der Normalzustand einkehren, der Spuk aufhören – es muss endlich mal Ruhe werden. Aber nichts passiert. Wenn man in sich hineinhorcht, ein Signal aussendet, und es kommt weich und gemildert zurück, ist das kein gutes Zeichen, denkt sie. Hart müsste es zurückkommen, gebrochen, gesplittert, zerfasert, verzerrt, voller Hass, voller Wut und Raserei oder voller Gleichgültigkeit und genauso kalt, wie man es hinein gesandt hat. Stattdessen liegt über allem dieses Deckmäntelchen des Gefühls. Das muss weg. Diese Zeiten müssen endlich vorbei sein! Herunterreißen will sie es, in Stücke zerfetzen, darauf herumtrampeln, es bespucken, beschmieren, verbrennen; aber stattdessen thront es fast höhnisch und verlachend, mich bekommst du nicht so schnell hier weg, will es sagen, während es sich wie ein dicker, schmieriger Ölteppich über alles schiebt und jede Realität dämpft und verzerrt. Sie wird weiterstarren und versuchen, sich alles einzureden.
Sie kann die Augen schließen, um ihn noch besser zu sehen. Er steht da, überragt sie um mehr als einen Kopf. Er ist groß; groß und gerade, seine Haltung ist aufrecht, regelrecht aristokratisch. Eingebildet wirkt er, wie er so den Kopf aufrecht und gerade hält, die Schultern nach hinten zieht, den Rücken durchstreckt. Dass er das unbewusst macht, weiß sie, macht sie rasend.
Seine helle, ebenmäßige Haut lässt ihn fast ein wenig gekünstelt aussehen, erinnert an Porzellan und Zerbrechlichkeit, seine großen Hände kontrastieren das, da ist jemand der zupacken kann und festhalten, aber er hält sie versteckt, sie weiß nur, dass sie da sind, wie sie aussehen, wie sie halten können. Er steht da wie eine Plastik aus vergangenen Zeiten, eine Berühmtheit, in Büchern beschrieben, Reiseführern beworben, in Museen ausgestellt. Unwirklich, das ist er, wenn er so dasteht, denkt sie, wenn er so in sich selbst ruht, innere Stärke ausstrahlt. Wie man nur so sehr seine Mitte gefunden haben kann.
Die Augen geschlossen fährt sie mit einem Finger über die Silhouette seines Gesichtes, die hohe, gerade Stirn, die feine, nicht zu spitze Nase, die geringfügig zu schmale Oberlippe, dann der arrogante kleine, offene Spalt zwischen den Lippen, die ideale Unterlippe, das kurze, aber nicht zu runde Kinn. Seine Gesichtszüge sind ebenmäßig, vielleicht schon zu ebenmäßig; nicht zu kantig und wohlgeformt, wie mit einem Bleistift gezeichnet vor langen Zeiten; ein Teil des ihn umfassenden Masterplanes.
Seine Augen haben eine verwirrende Mischung aus grün und gelb. Aus ihren kleinen Augenhöhlen blicken sie, ein wenig eingeengt, weil er so oft die Augen ein klein wenig zusammenkneift, auf alles hernieder, statisch können sie blicken, stundenlang, so statisch wie sie stundenlang das Bild anschaut, sein Bild; so intensiv können sonst keine Augen blicken, Gänsehautblicke, Bauchschmerzenblicke. Wenn er sie ansieht wird sie klein, immer kleiner, sie wartet auf ein Wort, egal welches, und wenn er es zu ihr spricht, sich auf sie einlässt, für wie kurz auch immer, wächst sie wieder. Seine Augen ändern sich, wenn er redet, sie sieht es vor sich, wie sie sich öffnen und ein klein wenig größer werden, wie sie lachen und Funken sprühen können, wie sie ihren Magen zum Kollaps und ihren Kreislauf durcheinander bringen, wie sie selbst sich wieder aufrichtet, bis das Gespräch abrupt endet, sie auf dem halben Wege des Wachstums stagniert, zusammensackt; seine Augen wieder zu gelbgrünen Glasmurmeln werden, die sie anglitzern. Herauskratzen sollte sie sie ihm wollen. Stattdessen macht sie ihre Augen auf. Das Bild ist noch da, dicht vor ihr, die Regung in ihr ist noch da, die Aufruhr und ein schaler Geschmack im Mund. Wie Pudding kleben und wabern die Gefühle in ihr, keine Härte, keine Kälte; keine Ecken und Kanten, keine Dunkelheit, keine spitzen Scherben des Zorns, mit denen sie sein Bild von der Innenseite ihrer Lider schaben kann, sie weiß, dass genau das alles es ist, was sie an ihn bindet.

©thg

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7 Gedanken zu “Selbstkasteiung

  1. Du liebe Güte, das ist ja gespenstisch. Ich kann zwar noch nicht mal ahnen, was für eine Bedeutung der Text für dich hat, aber es muss wohl ziemlich düster und beängstigend sein.

    Und es ist wahnsinnig gut geschrieben! 🙂

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  2. danke für das kompliment! 🙂

    naja, ich will mich mit dem text nicht irgendwie selbst verwirklicht sehen. ich gebe zu, dass ich meine eigene inspiration war, schon was die ausgangslage angeht, aber es geht eigentlich nicht um mich. ich würde es schon eher als fiktionalen text bezeichnen, als fiktionalen text mit ein paar, vielleicht auch gröberen, körnern thg mit drin.

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  3. es gibt durchaus nichts nervigeres als die ständige frage „oh gott, geht es dir gut? der text handelt doch von dir oder?“ (ich sags nur mal prophylaktisch) – autor ungleich hauptfigur, zumindest in 97% aller fälle.
    nun zum text. ich möchte sagen: wow. ich mag texte, die atmosphärisch so dicht gestrickt sind, dass sie einen so umspinnen, das man glaubt, man steht daneben. oder fühlt dasselbe, spürt und denkt und erinnert sich an dasselbe. der stil an sich erinnert mich ein wenig an judith hermann (und die mag ich sehr, also ist das ein liebgemeintes kompliment!). und das thema – wenn liebe wehtut. ich sage dazu nur „es tut weh, wenn man sein Herz von dem eines anderen abziehen muss wie festgeklebten Tesafilm von alter Tapete“.
    sehr schön, bitte mehr davon!

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  4. …thg, thg, in Dir steckt ein kleiner Genie…, muss mir das heute abend in Ruhe nochmals durchlesen, aber das hat mich schon jetzt umgehauen… starke beschrieben.

    Liebe Grüße – Kessi 🙂

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