Heldenschmelze

Jeder hat Vorbilder. Jeder hat Idole. Sowas braucht der Mensch, letztendlich möchte man ja ein Ziel vor Augen haben, auch wenn man es vielleicht so gar nicht erreichen will oder kann. Idole tun gut, irgendwie, man kann aufschauen und sich ausrichten. Wenn es doch immer so wäre wie mit 10, wo man der festen Überzeugung war, dass das damalige Idol mit Sicherheit der beste Mensch auf Erden ist, von Mutti und Omi vielleicht mal abgesehen, oder doch zumindest in einer bestimmten Disziplin unschlagbar. Und dann wird man älter. Man begreift, lernt, sieht, versteht, man arbeitet an sich und seinen Fähigkeiten – und überarbeitet seine Idole. Auf einmal sind sie gar nicht mehr aus Gold, sondern hächstens noch golden angemalt; auf einmal ist Superman Kinderkram und Star-Verehrung peinlich; auf einmal merkt man, dass man da heillos idealisiert hat und was man als Vorbild sah ist im besten Falle noch ein Abbild. Die Fähigkeit, das Können eines anderen besser einzuschätzen nimmt Illusionen, aber meistens auch den Zauber.

Heldenschmelze.

Sowas macht orientierungslos. In welche Richtung soll man blicken, wenn man nicht weiß, worauf man schauen soll? Wo ist vorn, wenn man keinen bestimmten Punkt am endlosen Horizont fixieren kann? Langsam aber sicher muss man sich seine Ideale selber erschaffen, das Nachlaufen muss ein Ende haben.

Es muss ja nicht immer so drastisch sein, schon gar nicht, was die Zeit betrifft. Es gibt Augenblicke, da ist man völlig fasziniert von etwas, zum Beispiel einem Musikstück. Man hört eine Einspielung und möchte den Mund gar nicht wieder zubekommen vor Erstaunen und Begeisterung – und vor lauter Entzücken scheint der Verstand auszusetzen. Kurzer Hand wird diese Einspielung zur besten überhaupt erkoren, der Instrumentalist zum virtuosesten schlechthin und alles andere zu läppischen Versuchen abgestempelt. Idealisierung in Reinstform! Man schwelgt und ist entzückt… bis der Verstand irgendwann mal wieder zurückkehrt. Und dann kommt das Erwachen: Ha, schau mal einer an, da ist gepfuscht, da steht eigentlich was ganz anderes in den Noten, da ist getrickst und da ists ungenau. Schon bröckelt das Bild, verblasst das Heldentum und überhaupt, was war das eigentlich, was man sich damals eingebildet hat…? Heldenschmelze. Man ist offensichtlich nie davor gefeit.

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3 Gedanken zu “Heldenschmelze

  1. Cooles Wort. Für jede Lebenslage oder immerzu braucht man auch nicht zwangsläufig ein Idol, manche Ziele steckt man sich durch einen einzigen Gedanken oder ein Bild ganz automatisch selber.
    Und gerade die eigene Erschaffung von Idealen macht es doch umso schöner, wenn man sein Ziel tatsächlich erreicht hat und sagen kann, man hat sein Leben verwirklicht – und nicht das eines anderen.

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  2. kann man sich neuschöpfungen irgendwo registrieren lassen? dann bitte machen!!

    mir gings mal ganz genau so, habe ne aufnahme der bach sonaten und partiten von einer nicht sehr bekannten geigerin, die ich früher [als ich noch 'unwissend' war] absolut bewundernswert fand. heute weiß ich, wann fehler kommen und es nervt mich ihr schnaufen. 😉

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