Feuervogel im Gewitter

Jan Vogler, der neue Intendant der Dresdner Musikfestspiele, hat einen Pakt mit Petrus! Dieser festen Überzeugung bin ich seit dem heutigen Abend. Denn wie sonst würde man es hinbekommen, Strawinskys Feuervogel-Suite von durch Blitzen erhellten Fenstern noch mehr zu dramatisieren?

Im ersten Teil des Konzertes der Wiener Philharmoniker unter der Leitung von Valery Gergiev spielte das Wetter jedoch noch nicht verrückt und die Musiker Sibelius, und zwar dessen erste Sinfonie in e-Moll. Ein eigenwilliges Werk, welches bei seiner Uraufführung im Jahr 1899 mit großer Begeisterung aufgenommen wurde. Es besteht aus vier Sätzen, deren erster gleich mit einem wundervollen, melancholischen Klarinettensolo eingeleitet wird. Überhaupt möchte man die Holzbläser loben, dieser Sibelius ist ein in vielen Teilen wunderbar kammermusikalisch ausmusiziertes Kabinettstückchen gewesen. Allerdings ist er auch eine Herausforderung: Sibelius geht ziemlich sparmsam mit seinen Themen um, da muss auch die kleinste Stelle ausgenutzt werden. Es mag der Lage unserer Plätze geschuldet sein, dass es mir doch über einige Strecken etwas dröge und statisch vorkam. Überhaupt waren wir glücklich, auf unseren 25 Euro-Hörplätzen (niedrigste Kategorie!) noch etwas vom Orchester zu sehen – primär hohe Streicher. Das war es dann auch, was man vornehmlich auf unserer Seite hörte, leider.

Nun ist ja durchaus bekannt, dass die Akustik der Frauenkirche nicht die beste ist, schon gar nicht für Ensemble dieser Größe. Da verwundert es wenig, wenn die Pizzicato-Töne zum Schluss des ersten Satzes ungenau, versetzt und breiig klangen, leider ebenso wie zum Schluss der kompletten Sinfonie und in einigen anderen Passagen. Bereits auf der ersten Empore an der Seite hatte man den Eindruck, die Musiker hinter einer transparenten Wand spielen zu hören – man sah etwas von ihnen, zumindest von einigen, aber der Klang war seltsam gedämpft. Es kam einem vor als würde da unten ein Orchester sitzen, welches mit angezogener Handbremse spielt. Trotz alledem war es eine gute Darbietung dieser melancholischen, irgendwie entrückten Sinfonie.

Nach der Pause stand dann die Feuervogel-Suite von Igor Strawinsky auf dem Programm. Eindrucksvoll ist bereits die dafür benötigte Instrumentierung: Wo sonst braucht man schon mal drei Harfen, zwei Kontrafagotte, vier Oboen und ähnliches?
Strawinskys eigentlich als Ballett geschriebenes Werk „Der Feuervogel“ basiert auf einer russischen Sage um den mächtigen und unsterblichen Zauberer Kaschtschej, in dessen Garten der Feuervogel lebt. In diesen Garten verirrt sich der Prinz Ivan – er erblickt den Feuervogel und fängt ihn. Auf dessen Klagen und Bitten hin lässt er ihn jedoch wieder frei und erhält zum Dank eine Feder und das Versprechen, dass der Feuervogel ihm hilft, sobald Ivan die Feder in die Luft reckt. Als es dunkel wird kommen die 13 von Kaschtschej gefangen gehaltenen Prinzessinen zum spielen in den Garten. Ivan erblickt sie, tanzt und spielt mit ihnen und verliebt sich, wie könnte es anders sein, in eine von ihnen. Kaschtschejs Wächter bekommen das mit, sie nehmen Ivan gefangen und führen ihn dem Zauberer vor. Der ist natürlich ganz und gar nicht begeistert davon und will Ivan, genau so wie alle edlen Männer, die es vor Ivan versucht haben, in Stein verwandeln. Aber der clevere Prinz reckt die Feder in die Luft, der Feuervogel kommt herbei und singt alle in den Schlaf. Ivan kann daraufhin die (außerhalb dessen Körper wohnende) Seele von Kaschtschej zerstören, sodass dieser nur wieder aufwacht, um letztendlich engültig ins Gras zu beißen. Die Prinzessinen sind frei und die vielen versteinerten Jünglinge werden wieder zu Menschen. So weit die Basis.

Strawinsky, der vielen vor allem für „Le sacre du printemps“ bekannt sein wird, wäre vermutlich begeistert von dem Wetter gewesen, was gerade in den Augenblicken der stärksten Dramatik ringsumher tobte. Es war ein Blitzen und Donnern, dass man meinen könnte, es hätte jemand bestellt. Es erwies sich als sehr sinnvoll, ein Programmheft zu erwerben, da man daraus nicht nur entnehmen konnte, wie die ungefähre Geschichte dieses Werkes ist, sondern auch wie sich die einzelnen Teile in etwa voneinander abgrenzen, da natürlich keine Pausen zwischen den Teilen kamen. Begannen sie noch rellativ harmlos mit den Vorstellungen von Ivan und dem Feuervogel, dessen Tanz, Gefangennahme und Freilassung, den spielenden Jungfrauen und dem Bild des goldenen Apfelbaumes, steigerten sich doch zunehmend Dramatik, Lautstärke und Gewitter, um dann im Höllentanz von Kaschtschej und seinem Gefolge zu gipfeln. Während im ersten Teil des Konzertes vor allem die (sicherlich sehr hitzegeplagten, es war eine irre Wärme in der Kirche) Holzbläser solistisch hervortraten, hatten in diesem Teil dann die Blechbläser ihre Chance. Allerdings waren sie zum Schluss schon fast zu dominant, saß man nicht gerade im Kirchenschiff hat man wohl von den armen, sich alle Mühe gebenden Streichern lediglich etwas gesehen, weniger gehört. Und das, obwohl wir unsere Plätze geändert hatten: Gut gestanden ist ja bekannter Maßen besser als schlecht gesessen (und in der Frauenkirche sitzt man nun mal unbequem, egal wo), und somit haben wir in der Pause gute Stehplätze rellativ mittig auf der ersten Empore ergattert. Das war definitiv eine sinnvolle Entscheidung, es geht nichts über einen wenigstens einiger Maßen ausgewogenen Höreindruck.
Mit seinen filigranen, ebenso wie massiven, aber trotzdem noch polyphon vielschichtig verwebten Stellen ist dieser Feuervogel eigentlich kein Werk, dass ich noch mal in der Frauenkirche zur Aufführung bringen würde. Die bereits angesprochenen Akustischen Abstriche musste man an einigen Stellen leider schmerzlich hinnehmen. Valery Gergiev schaffte es mit seinem eigentümlichen aber offenbar sehr wirksamen Dirigat jedoch trotzdem, die ganz spezielle Magie dieses Stückes hervorzuheben und zum Publikum zu transportieren.

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8 Gedanken zu “Feuervogel im Gewitter

  1. ….ahhhhhhhhhhhh, hab nur noch eine Minute Bloggzeit :-), muss schon wieder los, schaffe daher Deinen Text nicht, hihi, heute abend :-), mach Dir einen schönen Tag, liebe Grüße – Kessi

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  2. Was sind denn 4 Oboen <>oder ähnliches<>?? Der Mann hat Geschmack! Ansonsten hast Du das schön geschrieben. Und Sibelius 1 wirkt eigentlich immer spröde.. In meinen Augen einer der Komponisten, von denen in 50 Jahren niemand mehr spricht.. Ansonsten für heute: Nur die Spitzen… tüdelü…

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  3. danke, danke, danke 🙂

    @kessi: hihi… na dann bis heut abend 😉

    @pottkieker: das habe ich extra für dich geschrieben! würdige das bitte! 😀 sibelius fetzt eigentlich, also zumindest kenne ich auch schöne sachen von ihm. ist eben nicht gleich eingängig. dass er in 50 jahren vergessen ist glaube ich wirklich ganz und gar nicht!

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  4. Jaja, die Frauenkirche hat schon ne richtig miese Akustik, aber die Mehrzahl der Besucher will einfach „mal da gewesen sein“ (so jedenfalls oft mein Eindruck) und schaut sich lieber die Kirche an, als sich der Musik wirklich so hinzugeben, wie du das getan hast.

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  5. @couchblog: vielen dank und willkommen hier! 🙂 leider hast du recht mit deinen beobachtungen… aber es ist sehr schade, so viel geld für karten auszugeben (und für eine an sich tolle veranstaltung), wenn man dann irgendwie nur etwas halbgares serviert bekommt. nunja. viele hat es vermutlich nicht gestört. in diesem falle ist es nicht nur das frauenkirchengucken, was die leute zum geldausgeben verleitete, sondern auch noch der name des orchesters – beides zusammen scheint in den augen der veranstalter dann wohl die preise zu rechtfertigen, im gegensatz zu den akustischen aspekten. nunja.

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