Dem Weißwein sei Dank!

Wenden wir uns also wieder dem scheinbar meistausgereiztesten Thema dieses Blogs zu: dem Alliage Quintett. Ich muss vermutlich wirklich ziemlich frenetisch in meiner Begeisterung wirken, wenn ich so oft darüber spreche oder schreibe, aber es ist einfach zu schön und beeindruckend um darüber zu schweigen. Zudem möchte ich zu gern berichten, wie das Konzert war.

Aus Fehlern lernt man ja im Bestfalle immer etwas. Sogar ich bin dazu im Stande, und so haben wir aus dem Fehler, beim letzten Alliage-Konzert in der Villa Theresa in Coswig ziemlich spät erst einzutreffen, gelernt. Diesmal waren wir nämlich überpünktlich da – und hatten somit auch noch ziemlich freie Platzwahl auf richtigen Stühlen. Die Klappstühle vom letzten Mal sind mir noch in eindringlicher Erinnerung.

Nach einem kurzen, aber informativen Rundgang durch die Villa Theresa, in welcher einst der Komponist Eugen d’Albert mit seiner x-ten Frau Theresa wohnte und dem später noch folgenreichen Erwerb eines Glases wunderbaren Weißweines von Schloss Proschwitz begann das Konzert der vier Herren an den Saxophonen und der Dame am Flügel (die, wie immer, ein umwerfendes Kleid an hatte) mit dem „Sommernachtstraum“ von Felix Mendelssohn Bartholdy, arrangiert für eben diese Besetzung und bereits vor einigen Jahren auf der erfolgreichen CD „À La Recherche Du Rêve Perdu“ erschienen.
Dass mir die Darbietung gefiel, steht wohl außer Frage. In Bewährter Klarheit schwebt, steht, wütet, singt, jubelt, schluchzt der Sopransaxophonton Daniel Gauthiers über dem Fundament, welches die nicht minder guten Einzelleistungen der anderen Musiker bilden.
Was mich allerdings, wie schon beim Konzert in Leipzig, verwunderte: Warum spielen sie die einzelnen Sätze „reorganisiert“, also nicht in ihrer ursprünglichen Reihenfolge? Gut, aus dramaturgischen Gründen kann ich dies nachvollziehen. Sebastian Pottmeier rezitiert ja auch zwischenrein auf unnachahmlich erheiternde Art und Weise immer mal die eine oder Andere Stelle aus dem Sommernachtstraum. Aber wenn schon reorganisiert, warum hört das Ganze dann mit dem Hochzeitsmarsch auf? Schade, ich hätte gern den Mendelssohn’schen ‚Vorhang’, der am Anfang des Stückes schließlich aufgezogen wird, am Ende auch wieder fallen hören.

Leider standen auch die von Jun Nagao rekomponierten „Vier Jahreszeiten“, ursprünglich von Antonio Vivaldi komponiert, im Gegensatz zum letzten Coswiger Konzert nicht komplett auf dem Programm. Immerhin brachte das Ensemble aber die jeweils drei Sätze des Herbstes und Winters zu Gehör.
Bevor ich mich erneut in Schwärmereien über das Können, die Virtuosität und den Klang der Instrumentalisten ergehe, möchte ich an dieser Stelle lieber die wirklich wunderbare Komposition erwähnen.
Nagao nimmt sich die Vivaldi’schen Sätze zwar als Vorbild und verarbeitet sie, hält sich aber in keinem Fall sklavisch an irgendwelche Vorgaben. Im Gegenteil: Er lässt seiner Kreativität freien Lauf und nimmt keine Rücksicht auf Genregrenzen, sondern mischt vielmehr von Vivaldis Originalzitaten und Zitaten anderer großer Meister (passend zum Herbst lugt da der Freischütz um’s Eck) über klangliche Bilder (wie etwa die Schüsse der Jäger als Slaptongue auf dem Baritonsaxophon oder die 12 Schläge der Klavier-Kirchturmuhr, die das neue Jahr einläuten) bis hin zu Weihnachtsliedern und Jazz-Standards alles, was ihm in den dramaturgischen Kram passt und vermengt es mit seinen eigenen, wunderbaren Ideen zu einem mitreißenden, beeindruckenden Werk, bei dem man selbst beim Hören „aus der Konserve“ vor Spannung auf der vordersten Stuhlkante sitzen möchte. Dazu passt natürlich hervorragend die vor Esprit und Spielfreude nur so strotzende Interpretation des Alliage Quintetts!

Neben diesem Werk, welches den Schwerpunkt der neuen CD „Masquerade“ bildet, finden sich auf selbiger auch noch 5 Stücke aus Bach’scher Feder, für Saxophonquartett vom Baritonsaxophonisten Sebastian Pottmeier arrangiert, von denen 4 in diesem Konzert zu Gehör kamen.
Es sei mir an dieser Stelle verziehen, dass ich über sie und die ebenfalls erklingenden Tänze im Stile des 17. Jahrhunderts, wesentlich später von Ferenc Farkas komponiert, so hinweggehe. Das hat weniger etwas damit zu tun, dass mir die Stücke nicht gefallen haben, sondern vielmehr mit meiner Meinung, dass das Alliage Quintett doch seinen Schwerpunkt auf die Interpretation von Werken aus der Zeit der Romantik und später legen sollte. Für die Bach-Interpretation klingt mir das Sopransaxophon von Daniel Gauthier mit seinem federweichen Ton und dem doch recht ausgeprägten Vibrato zu romantisch.

Nun möchte ich aber noch auf etwas anderes zu sprechen kommen. Wer mit mir irgendwann mal über das Thema „Alliage Quartett/Quintett“ gesprochen hat, weiß, dass ich es durchaus drauf hab, in einem Konzert zu sitzen und mich über eine Stunde lang zu fragen, warum Lutz Koppetsch ein Buffet-Altsaxophon mit einer extrem kupfer-/bronzehaltigen Legierung spielt, welches man leider wirklich schlecht hört – vor allem im Gegensatz zu den präsenten Selmer-Instrumenten älteren Datums, die der Rest des Quartetts spielt. Nun – Fragen hilft, ich weiß. Ich habe mich diesmal auch tatsächlich, dem bereits erwähnten Weißwein sei Dank, dazu durchringen können. Dazu muss ich allerdings sagen, dass sich meine Frage ein bisschen erübrigte, als das Ensemble den Raum betrat, denn Herr Koppetsch hatte das Altsaxophon gewechselt. Das silberne, ältere Selmer SA II machte sich wesentlich besser und präsenter im Zusammenspiel. Gefragt habe ich trotzdem, und nach einem verblüfften Blick habe ich auch eine Antwort bekommen, die sich ziemlich mit meinen Vermutungen deckte. 😉

Ohnehin gab es noch ein nettes Gespräch mit den Saxophonisten im Anschluss an das Konzert, in dem ich allerdings leider nicht alle meine zahlreichen Fragen „abarbeiten“ konnte – wir mussten ja auch irgendwann nach Dresden zurück, die Zeit saß uns leider im Nacken. Aber ich werde sie mir einfach für’s nächste Konzert aufheben, einen Weißwein trinken und sie dann ganz entspannt stellen… 😉

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