Weiche, Wolfgang – ääh – Wotan, weiche!

Nun ist es also so weit! Der Dinosaurier des grünen Hügels nimmt seinen Hut. Nicht sofort, aber immerhin am 31. August, und das ist doch schonmal was. In einem Brief an den Stiftungsrat vom 8. April kündigt der 88-jährige, der 1951 die Leitung der weltbekannten Festspiele zusammen mit seinem Bruder Wieland übernahm und sie nach dessen Tod 1966 allein weiterführte, sein Gehen an. Und das, wo es in letzter Zeit danach aussah, als würde erst sein Tod über die Nachfolge in Bayreuth entscheiden.

Die Situation war verzwickt: Verworrene Familienverhältnisse haben ja in der Familie Wagner Tradition; und diese wird von Wolfgang, seines Zeichens Enkel des „Überwagners“ Richard und Urenkel von Franz Liszt, fortgesetzt: Bereits aus erster Ehe hat er zwei Kinder, Gottfried und Eva, die mittlerweile Eva Wagner-Pasquier heißt und Theatermanagerin ist. Auch aus seiner zweiten Ehe hat er eine Tochter, Katharina, welche im letzten Jahr ihr Regiedebut in Bayreuth gab. Und da ist auch noch Nike Wagner, die Nichte Wolfgangs und Leiterin des Kunstfestes Weimar, die natürlich auch nicht einsieht, warum sie der Wolfgang Wagner’schen Linie das Feld überlassen sollte.

Die Konstellation wäre selbst etwas für ein Bühnenspiel:
Der Patriarch und seine Frau führen ein weltbekanntes, wenn auch finanziell nicht mehr so rosiges Familienunternehmen, während sich in ihrem Rücken die Familie mit Speeren bewaffnet und auf seinen Rücktritt drängt. Dieser scheint auf Grund des Vertrages auf Lebenszeit vollkommen aussichtslos, bis es zu einem tragischen Trauerfall kommt: Die Frau des Patriarchen, seine rechte Hand, von ihm Favorisierte Nachfolgerin und ohnehin schon heimliche Herrin über das Haus, stirbt unerwartet. Der Patriarch wird milde, versöhnt sich mit seiner Ältesten, nähert diese seiner Jüngsten an, die beiden sprechen sich mit ihrer Cousine aus und übernehmen als friedliche Doppelspitze die Herrschaft über den grünen Hügel. Wie im Märchen.
Allerdings darf man gespannt sein, welche neuen Leiden der Familie W. da noch auftauchen. Schließlich ging es bisher nie so einfach (Eva W.-P. wurde bereits 2001 vom Stiftungsrat als Nachfolgerin bestimmt, dieses Votum scheiterte allerdings an Wolfgangs Veto), warum sollte diesmal alles glatt gehen?

Mit der Bekanntgabe seines Rücktritts beginnt nun eine viermonatige Bewerbungsfrist für Angehörige der Familie Wagner, Wolfgang selbst hat sich allerdings für eine Tandemlösung mit der 63-jährigen Eva und der 29-jährigen Katharina ausgesprochen. Es bleibt abzuwarten, mit welchen Überraschungen die Familie Wagner in Zukunft auftrumpft – mögen sie musikalischer Art sein, denn da könnte wirklich langsam mal etwas richtig Neues aus Bayreuth kommen… aber vielleicht bringt dieser Wechsel endlich die nötige 100-prozentige Konzentration auf das Wesentliche dieser Festspiele – Wagner-Opern nämlich!

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3 Gedanken zu “Weiche, Wolfgang – ääh – Wotan, weiche!

  1. Hier spricht ja eine wahre Expertin unter den Musikjournalisten vllt sollte t. die Nachfolge antreten.Profil: Uni – Semester Erfahrung, Musik interessiert, gegenüber Neues/Sonderbares(Katharina W.) nicht abgeneigt.Probiers Mal, kann ja nur schief gehen.🙂

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