Zug um Zug

Ich fahre Zug. Ich fahre ab und an Zug, wie jetzt eben zum Beispiel. Ich sitze in einem Abteil und mache mir Gedanken. Züge müssen verhext sein! Es geschehen immer so merkwürdige Dinge… Kleinigkeiten meist, aber trotzdem merkwürdig. Sie zwingen mich geradezu zum Nachdenken. Dann schweifen meine Gedanken ab, werden zum Teil regelrecht abenteuerlich kreativ, meistens aber vor allem sentimental. Zudem scheinen Züge die geheimen Quellen der Kreativität zu bergen, ich möchte immerzu schreiben. Aber es passieren ja auch immer Dinge im Zug…
Es gibt leider nichts, was dagegen hilft; am allerwenigsten Musik. Vielleicht würde ein Gespräch helfen, aber ich reise allein. Und wenn ich meinen Abteilgenossen ansehe… Nein. Da geht’s schon wieder los.

Die Abteiltür klappert. Ich lehne meinen Fuß dagegen, in der Hoffnung, sie zum Stillhalten bewegen zu können, sie aber lässt sich nicht von meinem kläglichen Versuch beirren, sondern rüttelt nun nicht mehr nur an Scharnieren und Rahmen, sondern über meinen Fuß auch noch an mir. Zittern kann ich allerdings allein, schließlich ist mir dank nicht funktionierender Heizung ohnehin kalt, und somit ziehe ich Fuß und Versuch zurück. Die Tür dankt es mir mit höhnischem und umso lauterem Beifallklappern. Bitte sehr, gern geschehen.

Zugfahren ist etwas für alle Sinne. Neben den akkustischen Störfaktoren gibt es da auch noch die geruchlichen: Obwohl ich in einem Nichtraucherabteil, ja gar in einem ganzen Nichtraucherzug sitze, riecht es hier wie in einer uralten Dorfkneipe beim Frühschoppen. Wenn ich mir allerdings meinen Abteilnachbarn mit Dederonjacke, Vokuhila, 5-Tage-Bart, Schnauzer und weiß geschnürten Springerstiefeln so anschaue, bekomme ich eine ungefähre Ahnung, warum dem so ist. Immerhin hat er die Kippe erst hinter dem Ohr und noch nicht zwischen den Lippen stecken. Respekt. Aber bei dem Mief, den er, zusammen mit dem allgemein vorherrschenden Qualm-Geruch, von sich gibt, stört wenigstens der dezente Klogeruch von nebenan kaum noch. Übrigens klappern Abteil- und Klotür jetzt im Duett. Auch schön!

Ablenkung ist Alles, daher greife ich unter den argwöhnischen Blicken meines Mitfahrers ein paar meiner tschechischen Schokokekse, um wenigstens meinen 15-Uhr-und-noch-immer-Nichts-Festes-im-Magen-Mittagshunger etwas in den Griff zubekommen. Nicht, dass mein Magenknurren noch fehlgedeutet wird, hier weiß man ja nie…
Kauend und krümelnd blicke ich also, nach Zerstreung suchend, aus dem Fenster. Das es draußen kalt ist verraten nicht nur meine immernoch durchgefrorenen Füße und der eisige Wind, der durch die schlecht abgedichteten Zugfenster pfeift, sondern auch der Schnee, der, ziemlich gleichmäßig, die Landschaft in eine Tristesse verwandelt hat.
Alles sieht gleich aus. Die Bäume sind grau, die Felder sind grau, der Himmel ist grau. Dazwischen: ein grauer Mast. Noch einer. Noch einer. Noch einer. Noch einer. Eine graue Betonbrücke ins Niemandsland. Ein grauer Mast. Noch einer.
Hier scheint es keine Menschen zu geben, nur Häuser. Die Häuser wohnen hier, ganz allein, weit weg von einander und den Menschen, in friedlicher Eintracht mit den grauen Betonpfeilern. Grau ist ihrer aller Lieblingsfarbe, und regiert werden sie vom Kirchturm, der als einziger braungrau ist.

Der Zug rollt so eben durch Edle Krone, aber ich kann beim besten Willen keine Krone erkennen, schon gar keine edle. Mein aromatischer Mitfahrer steigt aus und ich merke: es muss wohl doch geduldete Menschen geben, ein paar wenige stehen auf dem Bahnsteig. Natürlich sind sie grau, wie alles hier. Ich überlege einen Moment, ob gar diese Menschen die „edle Krone“ sind, denke an meinen ehemaligen modischen Abteilgenossen und muss unweigerlich ein bisschen schmunzeln.
Doch plötzlich: Ein einschneidendes Erlebnis! Ein roter Zug rauscht wie ein Blitz durch diese graue Szene. Was für ein Zeichen…! Ich warte noch kurz darauf, dass nun durch eine göttliche Fügung auf einmal überall Blümchen sprießen, Sterne funkeln, Kinder lachen; aber als nichts dergleichen passiert, beende ich meine Landschaftsbetrachtungen und widme mich dem Rest der Fahrzeit lieber dem Auftauen meiner Füße und – begleitet vom Klapperkonzert der beiden Türen und eines inzwischen an selbige angelehnten Rucksacks-, leider ohne durchschlagende Ergebnisse, zwei entscheidenden Fragen: Wer hat den Zug verhext? Und warum?

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5 Gedanken zu “Zug um Zug

  1. Wie schön ist das neue Jahr, Schnee, Sonnenschein, und ein neuer Blogeintrag, mein herz was willst du mehr.<>Doch horch auf hier kommt meine Kritik. Du musst noch viel mehr Bahn fahren, um diesen speziellen Zauber des Reisens zu erleben. Dein Fall ist zwar klar und traurig, aber du musst versuchen dieses Erlebnis mit anderen Augen zu sehen.<>Da ich ortsbedingt viel mit der Bahn fahre, weiß ich wovon ich spreche. Auf einer Fahrt die sich acht Stunden quer durch Deutschland zieht, braucht man dieses besondere Gefühl zwischen schwarzen Humor und Selbstverliebt um die aufkommenden Augenblicke mit einem Screwball Comedy Blick zu durchschauen und sich daraus eine Freude zu machen.<>Aber sei gewiss nach etwa 200000 Stunden Zug fahren stellt sich der von alleine an.<>Also sei gegrüßt und vllt sieht man sich im Zug.<>LG der Fishmaster

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  2. danke, danke 😉 <><>ich mache mir auch gern aus bahnfahren eine freude, durchaus. vielleicht sollte ich es mal ausprobieren und eben wirklich 8 stunden quer durch deutschland reisen… aber immerhin bin ich ja schonmal mit dem zug nach frankfurt/m., ich kann mich daran erinnern.<>meine theorie ist ja aber: ICEs sind nicht so verhext wie regionalzüge. und zu einem positiven ereignis hinzufahren bedeutet mehr immunkräfte gegen die verhexung des zuges zu haben als auf der heimreise.<><>bis demnächst im zug – obwohl ich eher selten in deine richtung unterwegs bin… 😉

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  3. Einfach nur schööööön…<>Freue mich immer, wenn es wieder was neues zu lesen gibt… Du hast einen tollen Blick auf die Dinge, auch wenn sie scheinbar trostlos sind…. <><>Und zum Thema Zugfahren – die Einladung nach Wiesbaden steht nach wie vor – das wäre doch mal ne etwas längere Strecke! 🙂<><>Hornisse

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