Sometimes strange Things happen

Bücher sind wie Magnete – sie ziehen mich magisch an.
An nur wenigen Büchern kann ich vorbeigehen, ohne sie gelesen zu haben, mindestens in Bus und Bahn ist ein Druckwerk mein Begleiter. Und wer kann schon zu einer gemütlichen Stunde mit einem guten Buch bei einem Glas Wein und einem Stück Schokolade in heimeliger Athmosphäre Nein sagen? Ich kann es jedenfalls nicht – und wöllte es auch gar nicht.
Gute Bücher sind Selbstläufer, sie entwickeln einen Sog, der den Leser in die Geschichte hineinzieht, gefangennimmt und erst wieder freigibt, wenn die letzte Buchseite umgeblättert ist und man sich zum x-ten Male abschließend den äußeren Klappentext durchgelesen hat.
All diese Erfahrungen mache ich mit jedem guten Buch immer wieder aufs Neue. Diesmal jedoch traf mich die Erkenntniss persönlich, unverhofft, ziemlich offensiv, anders, als ich es gewohnt war – und zudem noch im öffentlichen Personennahverkehr.

Natürlich gehe ich davon aus, das diese geradezu physikalisch messbare Anziehungskraft von Büchern sich nicht nur bei mir, sondern auch bei Anderen bemerkbar macht, so direkt konfrontiert wurde ich allerdings bisher damit noch nie (sieht man von fadenscheinigen Entschuldigungen einiger, die Kino-Verabredeung abzusagen, um den Harry Potter-Band zu Ende zu lesen und ähnlichen Erfahrungen weitesgehend ab). Zumal es sich speziell um ein Buch handelt, welches besonders attraktiv auf meine Umwelt zu wirken scheint… Der Vergleich hinkt stark, ich gebe es zu, und ich möchte mich auch in keinster Weise mit diesem tollen Autor vergleichen, aber ich komme mir ein bisschen vor wie im „Schatten des Windes“ – das Buch hat irgendwie komische Auswirkungen auf meinen Alltag.

„Sometimes strange things happen.“ Oh ja. Justament in dem Augenblick, in dem meine Augen diesen Satz vom Papier abtasten, werde ich angesprochen. Nachts, halb drei, in der Straßenbahnlinie 3, Höhe Carolaplatz, ertönt von schräg gegenüber die Stimme eines jungen Mannes, der entweder durch den Umschlag und die bisher gelesenen Seiten direkt auf diesen Satz geblickt hat (unwahrscheinlich) oder einfach nur mit der Ironie des Schicksals paktiert (eher wahrscheinlich): „Ich denke, das Buch ist witzig? Warum lachst du denn gar nicht?“ Ich blicke auf und geradewegs in das Gesicht des besagten jungen Mannes, der seinen Ausspruch wohl als Beginn einer lustig-inspirativen Unterhaltung versteht, sich auf den Platz direkt gegenüber von mir setzt und mit einem (so denkt er vermutlich) gewinnenden Grinsen angrient. Ich bin so fasziniert vom der besagten Ironie des Schicksals, dass ich mich ernsthaft zusammenreißen muss, um nicht laut loszulachen. Stattdessen sage ich „Ich bin gerade erst eingestiegen, habe das Buch gerade erst aufgeschlagen und gerade erst angefangen, darin zu lesen. Deswegen.“, wende mich, in der Hoffnung nun Ruhe zum Lesen zu haben, wieder den Seiten zu und fange wieder am Anfang des Kapitels an, von dem ich zum Zeitpunkt seiner Frage gerade mal 3 Zeilen gelesen hatte. Und tatsächlich – er ist ruhig. Vorerst! Denn als ich eine halbe Minute später immernoch nicht in schallendes Lachen ausgebrochen bin, fragt er mich erneut, ob ich das Buch nicht lustig finden würde – „Du lachst ja nichtmal…“. „Doch, ich finde das Buch lustig. Es wäre allerdings noch lustiger, wenn ich es in Ruhe lesen könnte, ohne pausenlos gestört zu werden.“ Er gibt Ruhe – und ich schmunzle wenigstens in unregelmäßigen Abständen, damit er zufriedengestellt ist, worauf ich den Kommentar „Na siehste, geht doch…!“ ernte. Meinethalben, so lange ich in Ruhe lesen kann… denkste. Höhe Hauptbahnhof Nord („Kurzer Aufenthalt zur Anschlussübernahme!“) meldet er sich wieder: „Was findst’n eigentlich am lustigsten an dem Buch?“ Langsam bin ich ernstlich genervt. „Vieles.“ – „Na was denn so?“ – „…“ – „Worum geht’sn darin eigentlich?“ ZACK! Mit einem Male schlägt mich die Ironie des Schicksals wieder mit der Flachen Hand auf den Rücken. Erst hält er mir vor, wie lustig das Buch ist – und dann hat er es nichtmal gelesen. Meine Frage, ob er es denn nicht gelesen hätte, beantwortet er mit einem trockenen „Nöö…“ – er hätte nur mal gehört, das Bücher von dem Autor generell lustig wären. Ich hab mein Buch genommen und mich weggesetzt. Sometimes strange things happen.

Anscheinend eilt diesem Buch ein Ruf voraus. Ich weiß nicht, ob es auf Dating-Plattformen als eindeutiges Single-Erkennungsmerkmal, das auf „Bitte sprich mich an!“ hinweist, verbucht ist, ich erlange allerdings mehr und mehr diesen Eindruck.
Auf meinem allmorgendlichen Weg zur Uni sitze ich, wie immer, lesend im Bus und denke über die vorangegangenen Ereignisse nach. Ich habe so eben beschlossen, sie als einen dummen Zufall zu werten, als ein junger Mann, der nicht unbedingt aussieht, als würde er viele Bücher lesen (und schon gar nicht auf Englisch… ja, Vorurteile, haut mich!), den Bus betritt und sich schräg gegenüber von mir niederlässt. Natürlich muss ich mir ausmalen, dass ich wieder irgendeinen Satz lese, er in diesem Augenblick aufsteht, sich zu mir herübersetzt und irgendeine blöde Bemerkung macht, und natürlich muss ich bei diesem Gedanken grinsen. Als ich jedoch zwei Minuten später aus den Augenwinkeln mitbekomme, wie er Mundspray aus der Tasche zieht, es ausgiebig benutzt, wieder in seiner Tasche verstaut, aufsteht, in meine Richtung läuft – und ich gleichzeitig den Satz „The madness took a strange form.“ lese, vergeht mir jedliches Grinsen. Leider zu spät: Der junge Mann hat das dringende Bedürfniss mich zu fragen, ob das Buch lustig sei.
Diesmal trifft mich der Schlag der Ironie direkt auf den Hinterkopf und macht mich sprachlos. Ich reiße meine Augen ziemlich dämlich weit auf, bringe nur ein Nicken zustande und bin froh, dass der Bus so eben an meiner Zielhaltestelle Strehlener Platz hält, damit ich aussteigen kann.

Um in Zukunft Lachen und Grinsen zu dürfen, wann und wie ich will, werde ich dieses Buch nur noch zu Hause lesen – in heimeliger Athmosphäre, bei einem Stück Schokolade und einem Glas Wein. Und ich werde eine Warnung darauf kleben: Vorsicht! Nicht in der Öfentlichkeit lesen! Nicht in Gesellschaft genießen! Bitte vor dem Lesen Telefon Ausstöpseln, Computer ausmachen, Handy ausschalten und Tür abschließen um es ungestört genießen zu können! Sometimes strange Things happen!

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2 Gedanken zu “Sometimes strange Things happen

  1. Wer eines der beliebsten Bücher der Deutschen liest, laut Wiki Platz 16, der muss sich im Grunde nicht wundern warum die Menschen, bzw die Männer in Scharen zu einem laufen. Ein Grund könnte natürlich in der soziotechnischen Aufmachung einer wünderschönen Frau mit einem Buch sein, die jeden, aber auch wirklich jeden Mann, in den Bann zieht, sein.Dabei spielen sich soviele verschieden Wertschöpfungsprozesse im Kopf des Mannes ab, so dass der eigentlich wichtige Anmachspruch auf der Strecke bleibt.<>Aber es könnte natürlich auch eine andere Ursache haben, vielleicht wurdest du mit Elke H. aus dem Z. verwechselt und deshalb angesprochen. Die hat eine Brille auf und liest in ihrer Sendung „L.“. Aber mehr Ähnlichkeiten fallen mir auch nicht auf. <><>Doch gehst du mit dem Schritt in der Öffentlichkeit nicht mehr zu lesen, den richtigen Schritt. Was würde das z.B für unsere Volkswirtschaft bedeuten. Wenn die Menschen am Samstag zu Hause bleiben und lesen, anstatt einzukaufen und feiern. Sei deines Schrittes Symbolwirkung bedacht, den wenn mehr Menschen lesen würde, und das auch zeigen, würde es mit Deutschland bergbergauf gehen.<><>Du bestimmst wo es lang geht. <>Du bist Deutschland.

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  2. :-)) vielen dank für den netten kommentar! 😉<><>aber bevor falsche gedanken aufkommen: „der schatten des windes“ ist zwar auch in tolles buch, da sich regelrecht verschlungen habe, bei meinem bus+bahn-buch handelte es sich allerdings um „fever pitch“ von nick hornby! 😉

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