Vögel

Ich hasse Vögel. Vorhin wollte ich meine Fenster aufmachen – was natürlich, dank des stetigen Dauergeniesels da draußen, auch nicht wirklich möglich ist, ich lebe unter einer Komplettdachschräge und momentan eignen sich offene Fenster eher dazu, Stockflecken in den Teppich zu bekommen als genießbaren Sauerstoff ins Zimmer zu befördern. Mein nahezu unbändiger Drang nach Frischluft allerdings veranlasste mich dann doch dazu, sie wenigstens einen kleinen Spalt weit zu öffnen. Und da war es – das nahezu unerträglich laute schreien dieser Biester. So ein Lärm! Wenn mich schon nicht der Regen zu hermetischer Abriegelung zwang, dann spätestens jetzt dieses Gefiepe und Geträller da draußen. Was erlauben die sich denn? Einfach so fröhlich zu sein, wenn doch der Himmel so grau ist und alle draußen mit eingefallenen Gesichtern rumlaufen und meine Nerven ganz kurz vor’m Zerreißen sind… Tzisses! Überhaupt – Vögel! Was machen die denn groß? Den Ganzen Tag nur Dreck und Lärm. Und das auch noch in der Nacht, sodass man nie mit offenem Fenster schlafen kann, legt man nicht gesteigerten Wert darauf, um vier von einer hysterischen Amselmutter oder dem Kampfgeschrei der Tauben- und Elsternmafia geweckt zu werden. Schade eigentlich, dass meine Fenster letzte Nacht zu waren, das hätte perfekt zu meinem bisherigen Tagesablauf gepasst…

Es gibt Tage im Leben, die gehen schon blöd los. Mit dem Aufstehen, zum Beispiel. Aufstehen, nach dem man eine Nacht lang unheimlich schlecht geschlafen hat, verfolgt von bösen Träumen, aus dem Bett fallenden Kissen und weiteren Schlafstörern. Und dann gehen sie genau so dämlich weiter, wie sie angefangen haben – man kippt sich den Kaffee über die Hose, schmiert sich Zahnpasta aufs T-Shirt, muss nach dem Bus rennen, rammelt sich dabei natürlich noch ordentlich das Bein am Türrahmen ein und schafft dadurch den Bus letztendlich trotzdem nicht. Warum gehe ich eigentlich an solchen Tagen noch aus dem Haus? Warum hole ich nicht einfach die Zeitung aus dem Briefkasten (wo mir doch auf dem Weg dorthin schon genügend passieren kann), koche mir einen Kaffee (Achtung! Verbrennungsgefahr!), mach mir irgendwas zu Essen (am Besten etwas Kaltes, das sich ohne Messer und Gabel zubereiten und essen lässt) und verkrümel mich zurück ins Bett (wo mit dann bestimmt die Decke auf den Kopf fallen wird)? Ich müsste doch langsam wissen, wie’s läuft… Nun denn, wider besseres Wissen bin ich heute trotz dieses Starts noch losgezogen. Und das habe ich nun davon: eine immer noch verbundene Hand (weil die Arztpraxis geschlossen war), klatschnasse Klamotten (weil es der Regen auf mich abgesehen hatte), eine beginnende Erkältung (ebenfalls aus dem Regen-Punkt resultierend), einen blauen Fleck am Schienbein (weil ich auf der regennassen Treppe ausgerutscht bin) und eine verbrannte Lippe (weil ich die Sache mit der Verbrennungsgefahr beim Kaffee doch unterschätzt habe).

Und dann dieses Wetter! Wirklich, ich habe kein Problem mit Regen, der erspart mir das lästige gießen. Aber das da draußen… das ist GRAUsam. Okay, ich gebe zu, das war ein schlechter Wortwitz, aber in meiner Verfassung darf man einfach keine lustigen Dinge von mir erwarten. Dazu noch so etwas stimmungsdrückendes wie das momentane Wetter – ich sehe es deutlich! Meine Psyche, die Vögel und der Wettergott, sie haben ein Abkommen. Es geht gegen mich und verfolgt das Ziel, mich zu deprimieren. Ooooh, und momentan gelingt es ihnen ganz gut… ich werde ja regelrecht verbittert. Das erschreckt mich. Vielleicht liegt’s ja auch nur an der fehlenden Sonne und einem klein bisschen Sauerstoffmangel… ich sollte die Fenster öffnen. Aber da sind ja noch die Vögel…
Wie machen die das eigentlich? Die trällern den ganzen tag, von früh bis spät, ob nun Sonne scheint oder nicht… während sich unsereins vom Regen runterziehen lässt (diese Wetterfühligkeit! Die Migräne!) zwitschern die den lieben langen Tag dem Herrgott eins von Frohsinn vor… nicht schlecht. Vielleicht sollte man sich an den Schreihälsen ja doch mal ein Beispiel nehmen. Und genau genommen sind sie ja gar nicht soooo schlecht… ich meine, sie fressen Insekten, zum Beispiel die lästigen Mücken, und ganz hübsch sind sie ja eigentlich auch. Meistens. Sieht man von Tauben, Raben und Elstern ab. Naja, und was sie so singen… ist ja jetzt auch nicht ganz schlecht. Und heiser sind die auch nie, verblüffender Weise. Die treffen jeden Ton, ist das schon mal jemandem aufgefallen? Die singen nie daneben! Faszinierend. Möcht‘ ich auch mal können.

Hat grad aufgehört zu Regnen, seh‘ ich. Ich mach mal das Fenster auf – richtig weit – und hör dem polyphonen Stimmengewirr da draußen zu…
Ich glaub‘ ich hab ihn ausgetrickst, den Wettergott – und ein bisschen auch meine Psyche (daran arbeite ich noch). Ist gar nicht mehr alles ganz so schlimm wie vorhin… Was so ein Drang nach Frischluft alles bewirken kann… und die Vögel, natürlich. Gut, das es Vögel gibt.

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Ein Gedanke zu “Vögel

  1. Ich wohne direkt an einer großen Wiese. Dahinter ist ein Bach, Bäume – Natur pur eben! <><>Wie oft bin ich morgens schon aufgewacht und dachte mir: „Lieber Gott, laß diesen Tag vorübergehen!“ Warum? Dafür gibt es tausend Gründe! Die Nacht war zu kurz (oder auch zu lang!), das Wetter zu schlecht, der Gedanke an das bevorstehende Tagwerk zu quälend – Gründe über Gründe, irgendetwas läßt sich ja bekanntlich immer finden! <><>Aber spätestens, wenn ich mein Bad betrete und das Fenster öffne, ist es da: dieses Pfeifen, Trillern und Piepen, das Zwitschern und Singen! Eine immer wieder neue, aber doch stets schöne Symphonie. Nie geprobt und doch perfekt intoniert. Dem kann die schlechteste Laune nicht lange standhalten!<><>Ja, es stimmt schon: „Gut, daß es Vögel gibt…!“

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