Hirnstrom-Ökonomie

Ich habe eine Theorie: Ich werde steinalt. Sollte ich nicht durch einen herabfallenden Ziegelstein oder ein anderes unglückliches, aber leider unvorhersehbares Ereignis dahingerafft werden müsste ich, laut meinen Berechnungen, mindestens 80 werden, wenn nicht sogar noch älter. Wenn das mal keine Aussichten sind… Allerdings hat meine Theorie einen Haken: sie bezieht sich nur auf mein Gehirn. Der Rest meines Körpers ist dem natürlichen Verfall leider schonungslos ausgeliefert. Die Aussichten sind also doch nicht nur rosig.

Meine Theorie beruht auf einem schlichten und einfachen Fakt: Mein Gehirn scheint, im Gegensatz zum Rest meines Körpers, eine Art Stand-by-Schalter zu besitzen. Und ich scheine häufig genug davon Gebrauch zu machen. Geht man also von der natürlichen Logik aus, das seltenere Benutzung geringere Verschleißerscheinungen hervorruft und dies wiederum dem Gegenstand ein gewisses Maß an Haltbarkeit und Gesundheit zusichert, müsste mein Gehirn, meinen Berechnungen zu Folge, mindestens 25% langsamer altern als der Rest von mir, wenn nicht sogar noch mehr. Folglich könnte mir blühen, das ich im zarten Alter von Mitte Neunzig zwar weder eigenständig Laufen noch Sehen (wenn nicht sogar noch weniger!) kann, dafür aber in meinem noch verhältnismäßig jungen Hirn alle Bewohner „meines“ Seniorenheims am Schlurfen ihrer Schritte unterscheiden und zusätzlich zu ihrem Namen und ihrem Alter auch noch ihre Lebensgeschichte erzählen kann. Wenn nicht sogar noch mehr. Diese Aussichten finde ich nun bei Leibe nicht mehr rosig.
Der Grund, auf dem ich meine Theorie basiere, ist ein einfacher, eigentlich ziemlich banaler, aber sein gehäuftes Auftreten in letzter Zeit bereitet mir zunehmend Sorgen: ich bin vergesslich. Aber nicht vergesslich im Sinne von „Ach? Da war was?“, meine Vergesslichkeit ist vielmehr der Gestalt, dass ich Dinge einfach ausblende. Das geht bei so einfachen Sachen wie Bus- und Straßenbahnfahrten los: Vollkommen in Gedanken versunken sitze ich in einem Fortbewegungsmittel des Öffentlichen Personennahverkehrs (tolles Wort!), noch beim Einsteigen rufe ich mir die Zielhaltestelle ins Gedächtnis. Und kommt es, wie es kommen muss: ich verpasse die Haltestelle. Nicht, weil ich so schrecklich abgelenkt werde durch handtaschenkramende Omis, zähnefletschende Hunde, Kinderwagenbarrikadenerrichtende Muttis, Schultaschenweitwurfübende Kinder oder andere Fahrgäste, sondern weil ich schlicht und ergreifend vergesse auszusteigen. Im Bestfall fällt mir dass eine Haltestelle später ein, oder wenn der Bus gerade die Türen schließt, im ungünstigsten Fall bekomme ich ein genaueres Bild über eine mehrere Haltestellen umfassende Gegend. Ich weiß nicht, was soll es bedeuten. Nun gut, eine verpasste Haltestelle zieht, mal abgesehen von eventuellem Zuspätkommen, keine gröberen Konsequenzen nach sich, zumindest im häufigsten fall. Aber leider geht es nicht immer so glimpflich aus. Ich vergesse es, Arbeiten abzugeben, obwohl ich sie in der Tasche bei mir habe, ich vergesse Leuten Dinge auszurichten, obwohl ich mit ihnen spreche und kurz vorher noch an die betreffenden Nachrichten denke, ich gehe in den Keller um Mineralwasser und Nudeln zu holen und komme nur mit den Nudeln aber leider ohne Wasser zurück. Beispielhaft ist auch folgende Situation: ich komme um drei Uhr nachts nach Hause, denke die halbe Bahnfahrt lang an den in aller Herrgottsfrühe bevorstehenden Besuch des Schornsteinfegers (der ja heut zu Tage nur noch den Schornstein anschaut und Abgaswerte misst und demzufolge eigentlich Schornsteinbegutachter oder Emissionsmesser heißen müsste, aber das steht auf einem ganz anderen Blatt), überlege mir, zu Hause angekommen, auf welche Uhrzeit ich den Wecker stelle – und blende den schornsteinbegutachtenden Abgaswertmesser vollkommen aus. Mein Hirn, zu diesem Zeitpunkt vermutlich in einer Art Ruhezustand, konnte sich wohl nur noch auf den bevorstehenden Schlaf konzentrieren, die zugegebener Maßen nicht allzu lockende Vorstellung eines Keller- und Dachbesuches mit einem fremden, schwarz gekleideten Mann hat es vollkommen verdrängt. Mit fatalen Konsequenzen für mich: nach ganzen vier Stunden Schlaf wurde ich heute durch das melodische Scheppern der Klingel geweckt, die mir ein weiteres Mal meine Vergesslichkeit unter die Nase rieb. Noch ausreichend restalkoholisiert musste ich mich zur Selbstbestrafung also in Windeseile wenigstens äußerlich gesellschaftsfähig machen, man will dem armen Mann ja nicht schon am frühen Morgen den Tag verderben. Aspirin und Kaffee mussten leider, leider bis nach seinem Besuch warten, bei welchem ich immerhin im Rahmen eines semiwissenschaftlichen Fachvortrages gewisse Schadstoffnormen und Dergleichen kennen gelernt habe… Sagen wir lieber gehört habe, behalten konnte ich davon leider nichts. Ein kurzer Ausflug aufs Dach („Schauen Sie sich das mal an!“ – ich habe nichts Besonderes gesehen, aber egal…), absolut begünstigt durch eine mittelstark ausgeprägte Höhenangst, hat mir dann schon vor Kaffee und Aspirin die Lebensgeister ein wenig geweckt, was nicht bedeuten soll, das ich danach tatsächlich wach war. Ich bin mir aber relativ sicher, das diese Aktion den Kippschalter an meinem Hirn von „Stand by“ auf „on“ umgelegt hat, immerhin. Naja, Strafe muss sein, und wenn es Dachklettern für’s Vergesslich-Sein ist.

Ich möchte ganz und gar nicht bezwecken das hiermit der Eindruck entsteht, ich wäre senil. Dem widerspreche ich vehement! Ich habe auch meine absolut lichten Phasen, in denen ich geistig voll anwesend und zum Teil sogar hochmotiviert bin (ja, auch das gibt’s!). Ich wollte lediglich auf eine Fähigkeit hinweisen, die eventuell ja auch noch andere Leute für sich nutzen können: Spart Energie beim Hirnstrom, Leute! Allerdings warne ich mit diesem Text auch: die Technik muss noch perfektioniert werden. Aber vielleicht gibt es ja den Einen oder Anderen, der sich ebenfalls an diesem Verfahren übt – ich würde mich freuen. Klar, ich könnte mit meinem Schlurf-Erkennen später mal zu „Wetten, dass…?“ gehen. Ich könnte aber auch ein paar clevere Gleichaltrige finden, die sich ihr Hirn ebenfalls fürs Altersdasein aufgespart haben, und dann treffen wir uns montags zum Chor (10 Uhr), mittwochs zum Sudoku-Rätseln (16 Uhr), donnerstags zum Seniorenschach (10 Uhr) und freitags im Speiseraum zur Quantenphysik-Vorlesung (11 Uhr). Listen liegen im Foyer aus!

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10 Gedanken zu “Hirnstrom-Ökonomie

  1. Freckle, what an amazing post. I love to read your Blog and I am looking forward to read the next post. Des Weiteren ist es erstaunlich wie man 5 dermaßen coole Blogs innnerhalb von 2 Minuten schreiben kann. 🙂<><>Dein Problem lässt sich ganz einfach „reparieren“. Einfach mal vor den Spiegel stellen, mit der linken Hand an das rechte Ohr fassen und dann mit der rechten Hand an der präfrontalen Rinde entlang streichen(etwa da wo der Haaransatz ist) und dann nach links abbiegen zum Gyrus cinguli, eine Windung des limbsichen Cortex. Dort findest du denn Schlaten zum an- und ausschalten des Gehinrs. Immer wenn du es brauchst anschalten, sonst kann es ja auch ruhig mal aussein um Energie für das Weltklima zu sparen. Ich hoffe ich konnte dir helfen.

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  2. hihi, vielen dank! vor allem auch für den wundervollen und äußerst nützlichen wegweiser zum schalter, ich werde mich gleich ans ausprobieren machen. klingt, als hättest du die hirnstromspar-methode schon einigermaßen perfektioniert? 😉<><>zum thema „in so kurzer zeit“: „hirnstrom-ökonomie ist von gestern, „vögel“ von vorgestern – und der rest aus dem zeitraum ende januar bis mitte märz.

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  3. Ein wirklich einzigartiger Blog.<>Meine Meinung??? In Ansätzen könnte diese Stand-by Funktion schon vorhanden sein und tritt auch immer wieder all zu häufig gerne mal durch…was leider nur noch ni klappt ist die Sache mit dem Bus^^<><>Was das Alterstreffen angeht…du hast das Bingo vollkommen vergessen!!!!

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  4. Ich hab noch was gefunden für dich:<>http://ec1.images-amazon.com/images/I/51Q2BJF1VML._SS500_.jpg<>Da steht das mit dem Schalter nochmal genau beschrieben drin und es erklärt die „Hirnstrom-Ökonomie“ aus wissentschaftlicher Sicht.

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  5. macht nix – ich finds lustig!<>ja, ich ollte tatsächlich mal über die anschaffung dieses buches nachdenken… allerdings sind die rezensionen doch recht denkwürdig – vielleicht schaue ich mal in ähnliche bücher… danke trotzdem! 🙂

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